Keine Ruhe für die Toten
In vielen Gräbern können die Körper nicht verwesen. Kieler Wissenschaftler erforschen, unter welchen Umständen dieses Problem auftritt.

Nicht jeder Friedhofsboden bietet optimale Voraussetzungen für eine rasche Verwesung. Problematisch sind Flächen, wo sich Wasser staut. Der Kieler Ostfriedhof (hier im Bild) hat zwar auch nasse Bereiche, dort wird aber nicht mehr bestattet. Foto: pur.pur
Bestimmte Eigenschaften des Bodens verhindern jedoch den Zersetzungsprozess. In festen und nassen Böden fehlt der hierzu notwendige Sauerstoff. Der Leichnam verwest dann nicht. Stattdessen bildet sich aus den Körperfetten eine wachsähnliche Schutzschicht, die den Körper quasi konserviert. Auch nach Jahrzehnten zeigen diese Leichen kaum Verfallserscheinungen, individuelle Gesichtszüge bleiben erhalten. »Das ist ein Problem vor allem für Friedhofsmitarbeiter, die ein neues Grab ausheben sollen und statt eines Skeletts einen halbwegs intakten Sarg mit einer Leiche vorfinden «, so Zimmermann. Der Sarg, der bei ungünstigen Bedingungen eben auch nicht verwittert, verbleibt dann im Boden. Denn solange noch eine Leiche vorhanden ist, gilt das Gesetz der Totenruhe. Schlimm genug für alle Beteiligten, dass sie immer wieder Gefahr laufen, diese zu stören.
Bei einer Umfrage unter knapp 1000 Friedhöfen hat der Kieler Bodenkundler Dr. Heiner Fleige herausgefunden, dass es sich bei der unvollständigen Verwesung keineswegs um ein Randproblem handelt. »Etwa ein Viertel der Friedhöfe ist hiervon betroffen, die Grauzone nicht mitgerechnet.« Das Thema ist nicht neu, aber man spricht nicht gern darüber und das nicht nur aus Gründen der Pietät. »Wenn man das Feld aufmacht, wird es sehr teuer«, erklärt Fleige, der die Doktorarbeit von Iris Zimmermann betreut.
Mittels Bohrungen bis in drei Meter Tiefe und ergänzender Grabungen sowie chemischer und physikalischer Analysen erfasst Zimmermann die bodenkundlichen Kriterien, die eine Verwesung verhindern. Gefördert wird dieses Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) mit knapp 300.000 Euro. Ziel ist, einen Leitfaden zu erstellen, der wichtige Informationen über die erforderliche Bodenbeschaffenheit für die Anlage oder Sanierung von Friedhöfen enthält. Dabei geht es nicht nur um Verwesungsproblematiken, sondern auch um eine mögliche Belastung von Boden und Grundwasser durch Nitrat, Schwermetalle und Medikamentenrückstände durch den Verfall des Körpers. Die Bodeneigenschaften sind auch hierfür entscheidend, so Fleige.
»Der optimale Friedhof hat eine große Sandauflage, in der die Särge stehen. Diese sollte gut durchlüftet und frei von Stau- und Grundwasser sein. Unter dem Erdgrab sollte sich noch eine ein bis zwei Meter dicke Tonschicht befinden, die eventuell austretende Schadstoffe herausfiltert.« Von den Kieler Friedhöfen haben die Bodenkundler den Ostfriedhof untersucht. Auch hier gebe es nasse Bereiche, diese seien aber nicht weiter problematisch, da hier nicht mehr bestattet werde.
Die Nordelbische Kirche, die für viele der schleswig-holsteinischen Friedhöfe zuständig ist, unterstützt die Studie. Zwar gebe es hierzulande keine Platzprobleme, da ausreichend Ausweichflächen zur Verfügung stünden. »Dennoch sollten auftretende Zersetzungsstörungen untersucht und räumlich eingegrenzt werden«, erklärt Corry Platzeck vom Nordelbischen Kirchenamt in Kiel. Alle möchten die Toten in Ruhe zu Staub werden lassen. »Darüber hinaus belasten Grabstätten, die nicht wieder belegt werden können, den Friedhofshaushalt und damit den Gebührenzahler. « Allerdings geht der Trend ohnehin zu Feuerbestattung und Urnenbeisetzung. Das ist in gewisser Weise auch ein Weg, das Problem zu umgehen.
Kerstin Nees
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