Arm trotz Geld
In die Entwicklung ländlicher Räume werden jährlich europaweit Milliarden investiert. Nicht immer ist dieses Geld gut angelegt. Eine Studie der CAU zeigt, warum sich ländliche Regionen trotz gleicher Förderprogramme unterschiedlich entwickeln.

Polnische Bauern in der Region Kielce Foto: Picture Alliance
Der Agrarökonom leitete eines der bislang größten EU-Forschungsprojekte zur Evaluierung der Agrarpolitik, das jetzt nach dreieinhalbjähriger Laufzeit abgeschlossen wurde. Es trägt den Namen "Advanced Eval" (Innovative Evaluierungsmethoden) und wurde von der EU mit rund 1,5 Millionen Euro gefördert. Das internationale, aus über 20 Mitarbeitern bestehende Forscherteam wählte als Untersuchungsgebiet ländliche Regionen in Polen und in der Slowakei. Beide osteuropäischen Staaten befinden sich noch immer in der Phase der Transformation der Landschaft zu einer auf Leistung und Effizienz basierenden Wirtschaftsweise und bieten damit beste Bedingungen für eine empirische Entwicklungsanalyse. Mit mathematischen Methoden ermittelten die Agrarwissenschaftler den variierenden Wirkungsgrad von jahrelangen Förderprogrammen auf Regionen mit anfangs identischer Infrastruktur.
Einer der entscheidenden Faktoren für die gesunde Entwicklung einer Region ist die Bildung von sozialen Netzwerken, so das Ergebnis. Ein Beispiel: Ein Landwirt möchte seine herkömmliche Produktion zusätzlich auf erneuerbare Energien ausdehnen. »Ein reger Kontakt zu anderen Landwirten in der Region hilft ihm dabei, eine Entscheidung darüber zu treffen, in welche Produktionsbereiche und Technologien er investieren soll«, so Professor Henning. Gibt es dann auch noch in seiner Nähe beratende Wirtschaftsverbände, die die Landwirte unterstützen, so kann der Einsatz einer Innovation wesentlich schneller erfolgen als in weniger gut vernetzten Branchen, in denen der Informationsaustausch nur langsam oder gar nicht stattfindet. Gerade für die Geschwindigkeit der Verbreitung innovativer Technologien sind Kommunikationsnetzwerke zwischen regionalen Unternehmen ein zentraler Bestimmungsfaktor. Auch können diese als effizienter Filter dienen, um "Hits" und "Nieten" potenzieller Innovationen frühzeitig zu trennen.
Hier können Subventionen deshalb auch nicht schaden. Im Gegenteil, sie sind häufig von sehr großem Nutzen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass sie gut angelegt sind, ist bei solchen Netzwerkstrukturen deutlich höher. Soziale Netzwerkstrukturen beeinflussen aber auch das politische Verhalten. Sind Wähler in ländlichen Regionen gut vernetzt, erfolgt eine effektivere Kontrolle lokaler Regierungen, was deren Leistungsfähigkeit enorm steigert.
»Gut vernetzte Regionen sind erfolgreicher in der Einwerbung von EU-Fördermitteln. In schlecht vernetzten Regionen unterliegt das Wahlverhalten eher ideologischen Maßstäben und entsprechenden traditionellen Wahlgewohnheiten, was die Leistungsfähigkeit lokaler Politiker oft enorm schwächt«, so Henning.
Für die CAU ist die Studie jetzt schon ein Erfolg. Die EU-Kommission, die bereits ein Evaluatorennetzwerk gebildet hat, hat die Studie sehr positiv aufgenommen und drängt sogar auf Folgestudien. Dieses Angebot greifen die Kieler Agrarwissenschaftler gerne auf. In Planung ist bereits ein Projekt, in dem das Advanced-Eval-Modell großflächig auf die gesamte EU übertragen werden soll. Konkret in Vorbereitung ist derzeit außerdem eine Studie über die Bedeutung der Biogasproduktion für ländliche Regionen in Schleswig-Holstein im Rahmen des Kompetenzzentrums Biomassenutzung Schleswig-Holstein.
Michael Wieczorek
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