Vortragen
Scheinbar einfache und nebensächliche Tätigkeiten sind eine Wissenschaft für sich.

Foto: pur.pur
Um 1800 änderte sich das. Einige Philosophen, Theologen und Juristen glaubten, dass die mündliche Form des Vortrages geeignet sei, dem studentischen Zuhörer etwas mitzuteilen, was ihm die Schriftform des Lehrbuches oder Manuskripts alleine nicht vermitteln könne. Die Schrift könne zwar Wissen darstellen; nur der mündliche Vortrag könne aber auch die Herstellung von Wissen im Moment seiner Entstehung präsentieren. Der Zuhörer eines Vortrages lerne nicht nur passiv die Ergebnisse der Forschung kennen, er könne auch aktiv an der Entstehung des Wissens teilnehmen und dabei lernen, wie man selbst forsche.
Das Versprechen des Vortrages um 1800 war, bei der Entstehung von Wissen live dabei zu sein. Und dieses Versprechen hat sich – trotz aller Enttäuschungen in ungezählten Ringvorlesungen, Fachtagungen und Konferenzen – bis heute gehalten. Es ist die Erwartung intellektueller Frische, das Verlangen, etwas zu hören, was so noch nirgendwo geschrieben steht, das Bedürfnis, der Entstehung eines neuen Gedankens beiwohnen zu dürfen, das uns immer wieder bei Vorträgen zuhören und zuschauen lässt.
Der Vortragsbesucher ist nämlich nicht nur Zuhörer, sondern auch Zuschauer: Ein Vortrag beinhaltet die implizite Erlaubnis, den Sprechenden während der Zeit des Vortrages ungeniert beobachten zu dürfen. Dieses Beobachten hat seinen Sinn: Die Körperlichkeit des Redners ist nämlich nicht nur ein Hindernis, das uns vom eigentlich Wichtigen ablenkt; sie kann auch ein Hilfsmittel sein, das komplizierte Gedankengänge erst verständlich werden lässt. Heinrich Heine hat versichert, dass er Hegels Philosophie immer nur während der Vorträge des Meisters zu verstehen vermochte.
Manche Wissenschaftler lieben das Vortragen so sehr, dass sie auch in ihren Aufsätzen nicht davon lassen können. Man stößt deshalb am Anfang ihrer Texte auf den Hinweis: »Der Vortragsstil wurde beibehalten.« Ganz richtig ist das aber nicht: Denn der Vortragsstil lebt von der körperlichen Kopräsenz von Redner und Hörer. Er lebt von der Möglichkeit, dass die Hörer im Anschluss an den Vortrag direkt auf die Äußerungen des Redners reagieren können. Wenn der Aufsatz erscheint, haben sie das Auditorium schon längst verlassen.
Carlos Spoerhase
Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Steffen Martus am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien.
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