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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 58 vom 13.02.2010, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Weltfremde Finanzwelt

Als aus der jüngsten Finanz- die aktuelle Wirtschaftskrise wurde, bekam auch so mancher Wissenschaftler die Krise.


Als aus der jüngsten Finanz- die aktuelle Wirtschaftskrise wurde, bekam auch so mancher Wissenschaftler die Krise. Foto: pur.pur

»Da ist einiges schiefgelaufen«, befindet der Kieler Wirtschaftswissenschaftler Professor Thomas Lux, wenn er auf die Turbulenzen der jüngeren Vergangenheit zurückblickt. Seine Bewertung gilt nicht nur fürs reale Geschehen, sondern ebenso für die Rolle, die dabei die Wissenschaft spielte. Schließlich hat kaum ein Forscher auf dem Globus vorausgesehen, welch verheerende Brisanz die in abenteuerliche Derivate verpackte Blase um die amerikanischen Immobilienpreise in sich barg. Anders ausgedrückt: Die Modelle der Wirtschaftswissenschaftler zerbarsten krachend an der vom weltweiten Finanzkasino geschaffenen Realität.

Womit ein wesentlicher Teil des Problems auch schon angesprochen wäre. Während im richtigen Leben der Finanzmarkt und die auf den Handel mit Waren und Dienstleistungen beruhende Realwirtschaft nicht zu trennen sind, behandelte die Wissenschaft diese beiden Bereiche überwiegend, als hätten sie so gut wie nichts miteinander zu tun. »Geld ist aber leider nur in der Welt der Modelle vollkommen irrelevant«, sagt dazu Lux, der sich seit Jahren mit realitätsprägenden Faktoren jenseits der klassischen wissenschaftlichen Wahrnehmung beschäftigt.

Nicht nur, aber auch wegen seines Zutuns hat sich unter diesem Aspekt in der Finanzmarktforschung bereits einiges getan. Spätestens nachdem 1987 die Börsenkurse innerhalb eines einzigen Tages ohne jeden nachvollziehbaren Grund um mehr als 20 Prozent abstürzten, begann der Fachwelt zu dämmern, dass der Homo oeconomicus nicht das alleinige Maß der Dinge darstellen kann.

Mit verhaltenswissenschaftlichen Analysen und Experimenten haben Lux und seine Mitarbeiter diese Erkenntnis inzwischen relativ umfassend konkretisiert. Kompliziert wird es demnach mit der reinen Lehre schon deswegen, weil auf Finanzmärkten unterschiedliche Verhaltensweisen und Strategien aufeinander treffen. Die müssen keineswegs rundweg irrational sein, können aber schon durch ihr bloßes Zusammenspiel zu Effekten führen, die im Grunde niemand gewollt hat. Zudem lehrt die Erfahrung, dass in vielen Verhaltensweisen zumindest ein Quäntchen Unvernunft steckt und obendrein nicht alle Akteure am Markt gleicht umfassend informiert sind. Um die Sache noch komplizierter zu machen: Experimente im Computerlabor zeigten, dass sich Marktteilnehmer schon durch die bloße (und nachweislich unrichtige) Annahme, ein anderer sei besser informiert als sie, in ihrem Handeln beeinflussen lassen.

Unterschiedliche Strategien, von denen je nach Lage mal die eine, mal die andere dominiert, vergrößern die Undurchschaubarkeit noch. So gibt es auf den Aktienmärkten Anlegertypen, die sich an Kapitalquote, Gewinnmargen und anderen Fundamentaldaten orientieren, während andere dann investieren, wenn sie der Überzeugung sind, viele weitere würden das in absehbarer Zeit ebenfalls tun. Beides, so sagt Lux, kann rational sein. Beides kann aber auch schief gehen.

Die zweite, auf bloßen Erwartungshaltungen beruhende Strategie hat nach seiner Auffassung maßgeblich zur aktuellen Krise beigetragen. Ein gerüttelt Maß an Mitverantwortung dafür, dass diese Entwicklung weitgehend an der Wissenschaft vorbeigerauscht ist, tragen derweil für Lux Defizite in der makroökonomischen Forschung. »Sehr stark an Rationalitätspostulaten orientiert« werde mit Modellen gearbeitet, in denen die Unternehmen im Prinzip nichts anderes tun, als sich optimal an sinkende Nachfrage, wachsende Konkurrenz oder andere Störungen anzupassen. Doch so einfach ist die Welt der Wirtschaft nicht.

»Wir brauchen mehr Vielfalt in den Modellen «, bestätigt diesen Makel auch Makroökonom Professor Hans-Werner Wohltmann vom Institut für Volkswirtschaftslehre. Die weitgehende Orientierung am durchschnittlichen Verhalten von Unternehmen ebenso wie das Ausblenden der Zusammenhänge mit dem Finanzsektor wird auch nach seiner Einschätzung der Wirklichkeit nur unzureichend gerecht.

Reaktionen darauf gibt es an Wohltmanns Lehrstuhl bereits. Neuerdings nehmen die Kieler Volkswirte Mikrosimulationsstudien vor, in denen sie einen Markt mit verschiedenen Anbietern voraussetzen, die sich jeweils andersartiger Strategien bedienen. Damit könnte sich die Realität tatsächlich treffender abbilden lassen als bisher, hofft Wohltmann. Ebenso wie sein Kollege Lux warnt er aber vor übertriebenen Hoffnungen in die Prognosekraft der reformierten Modelle: »Krisen lassen sich damit zwar besser verstehen, aber nicht unbedingt verlässlicher voraussagen.«

Martin Geist
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