| unizeit Nr. 58 vom 13.02.2010, Seite 2 |
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Verkannte Theorien
Nicht alle Schuldner sind gleich. Vor gut 20 Jahren entstand um diesen Satz eine Theorie mit verblüffend aktuellem Krisenbezug.

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Die Wirtschaftswissenschaft wurde von der derzeitigen Krise in weiten Teilen überrumpelt. Das theoretische Rüstzeug, um die aus der amerikanischen Immobilienblase hervorgegangenen Verwerfungen vorauszusehen, war freilich längst vorhanden. Bereits 1986 veröffentlichte der Amerikaner Professor Hyman Minsky sein Buch »Stabilizing an Unstable Economy« und beschrieb darin, dass beileibe nicht alle Kreditnehmer derselben Philosophie anhängen. Die einen bezahlen Zins und Tilgung aus laufenden Erträgen, die anderen wenigstens die Zinsen und wieder andere nehmen neue Kredite auf, um die alten zu bedienen. Letzteres beflügelt zwar zunächst die Wirtschaft und ebenso die Gewinne der Banken, versperrt aber auch den Blick auf die zunehmenden Risiken. So kommt es, wie es kommen muss: Das auf Pump finanzierte Wirtschaftswunder bricht in sich zusammen und reißt solide Kreditnehmer mit in den Strudel, weil auch sie keine Kredite mehr bekommen.
Einiges erahnen lassen hätte sich sogar auf weniger aufwändige Weise. So legte Dr. Leonardo Morales-Arias 2007 am Institut für Weltwirtschaft in seiner Doktorarbeit ein auf realen Daten basierendes Modell verschiedener Märkte vor, in dem sich alles plausibel zueinander fügte. Völlig aus dem Lot geraten, weil viel zu hochpreisig, stellte sich lediglich der Immobilienmarkt in den USA dar. Dazu Professor Thomas Lux: »Schon mit elementarer Statistik hätte man viel voraussehen können.«
Martin Geist
Zum Weiterlesen: Hyman Minsky: Stabilizing an Unstable Economy. Neuauflage 2008, McGraw-Hill Professional, New York
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