| unizeit Nr. 58 vom 13.02.2010, Seite 2 |
|
Versteckte Monumente
Kieler Wissenschaftler untersuchen Großsteingräber in Sachsen-Anhalt. Ihre Erkenntnisse widerlegen bisherige Annahmen zur Funktion der Monumente und werfen ein neues Licht auf das Vorgehen ihrer Erbauer.

Rekonstruktion des Großsteingrabs "Lüdelsen 3", das um 3550 v. Chr. angelegt wurde. Foto: Sarah Diers / Denis Demnick
Mit neuen Entdeckungen sind der Kieler Archäologe Denis Demnick und sein Team vom Institut für Ur- und Frühgeschichte von ihrer diesjährigen Grabung in der Altmark zurückgekehrt. So stießen die Forscher bei der Untersuchung des zwischen Salzwedel und Wolfsburg gelegenen Großsteingrabes "Lüdelsen 6" auf eine darunter gelegene horizontale Schicht organischer Reste. »Dies lässt darauf schließen, dass das wahrscheinlich vor etwa 5200 Jahren errichtete Hügelgrab auf einer noch älteren, aber ebenfalls von Menschenhand geschaffenen Erdanhäufung steht«, so Demnick. Eine solche Konstellation ist zumindest in der Region bisher einmalig. Der Archäologe wertet diesen Fund als Hinweis für die Sorgfalt, mit der die Erbauer des relativ jungen Ganggrabes "Lüdelsen 6" einst dessen Standort wählten. »Anscheinend wurde ganz bewusst der ältere künstliche Hügel, über dessen Funktion wir bisher nur spekulieren können, als Standort für das jüngere Großsteingrab ausgesucht«, erklärt Demnick, der diese Forschung für seine Promotion betreibt. Er ist Doktorand der Kieler Graduiertenschule "Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften". Als jung gilt "Lüdelsen 6", weil es vermutlich erst gegen Ende der Jungsteinzeit entstand. Benachbarte Großsteingräber wie das um 3550 vor Christus angelegte, wesentlich kleinere "Lüdelsen 3" wurden mehrere hundert Jahre früher errichtet.
»Die exakte Grabungsmethode in Verbindung mit interdisziplinärer Herangehensweise gibt Aufschluss über die wechselnde Funktion dieser ersten Monumente in der Landschaft«, erklärt Projektleiter Professor Johannes Müller. Er spielt auf ein weiteres Forschungsergebnis an, das dem heutigen Betrachter ohne die Zusammenarbeit von Archäologie und Naturwissenschaft verborgen bliebe. »Die Lüdelsener Gräber lagen in der Jungsteinzeit wohl in einem Waldgebiet mit nur kleinen Rodungen und waren nicht weithin sichtbar. Das widerlegt bisherige Annahmen, die Gräber hätten als "territoriale Marker" der Landschaft gedient«, so Sarah Diers, ebenfalls Doktorandin der Graduiertenschule. Diese Entdeckung gelang der Archäobotanikerin durch Pollenanalysen.
Demnick unterstreicht die Bedeutung der Ergebnisse: »Der größere Umfang von über 30 Metern und der Standort des vergleichsweise jungen Megalithgrabes "Lüdelsen 6" weisen im Vergleich zu "Lüdelsen 3" auf Veränderungen in der Bestattungskultur hin.« Offenbar legten die Bewohner der Region gegen Ende der Jungsteinzeit mehr Wert auf Repräsentation als noch wenige Jahrhunderte zuvor. Darauf könnte auch die Überbauung des älteren Hügels hindeuten.
»Die Rekonstruktion der Entstehung eines Großsteingrabes, seiner Nutzung und seiner Umwelt ist in dieser Detailgenauigkeit etwas ganz Neues in Deutschland«, so Projektleiter Müller. »Dazu kommt, dass wir hier in einem überschaubaren Gebiet mehrere Gräber als Vergleichsobjekte heranziehen können.« 2010 geht es für die Kieler Archäologen noch einmal in die Altmark, um den westlichen Grabkammerteil von "Lüdelsen 6" und einige weitere Hügel- und Geländeschnitte genauer zu untersuchen.
Jirka Niklas Menke

Aufsicht auf das jüngere Grab "Lüdelsen 6", das etwa 35 Meter lang ist. Die Umfassungssteine sind hellgrau gezeichnet, dunkelgrau die Steine der eigentlichen Grabkammer. Foto: Institut für Ur- und Frühgeschichte
Jungsteinzeit
Im nördlichen Mitteleuropa setzte die Jungsteinzeit um 4200 vor unserer Zeitrechnung ein. Der Wandel von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern markiert den Beginn der Epoche. Neben Großsteingräbern zählen auch Steinbeile und Scherben zu ihren Hinterlassenschaften. Die Jungsteinzeit endete im heutigen Norddeutschland gegen 2200 vor Christus, als die Menschen begannen, Kupfer und Bronze zu verarbeiten.
Das Projekt "Megalithlandschaft Altmark"
Die vollständige Ausgrabung und Rekonstruktion des Großsteingrabes "Lüdelsen 3" bildete 2007/08 den Auftakt zum Projekt "Megalithlandschaft Altmark", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Es ermöglicht den Vergleich unterschiedlich alter Großsteingräber in der Region und schließt damit eine Lücke in der europäischen Forschungslandschaft. Die Altmark, wo in der Jungsteinzeit verschiedene Siedlungsgebiete aneinandergrenzten, bietet dazu ideale Bedingungen: Im 12 mal 15 Kilometer großen Untersuchungsareal sind 26 erhaltene Großsteingräber und 22 jungsteinzeitliche Siedlungen bekannt. Die Forscher unter der Leitung von Professor Johannes Müller vom Institut für Ur- und Frühgeschichte sowie Dr. Barbara Fritsch vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt wollen klären, wie diese Anlagen zueinander und mit Veränderungen der Umwelt in Beziehung stehen. Die Erfolge des Altmark- Projektes machten es zum Vorbild für das neue, von der CAU koordinierte DFG-Schwerpunktprogramm "Frühe Monumentalität und sozialer Wandel".
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität,
presse@uv.uni-kiel.de