Stabile Grundlage für die Forschung
Der komplizierte Rohbau des neuen Partikelzentrums ist abgeschlossen. Statt Baugerüsten und Kränen steht im Kieler Pastor-Husfeldt-Park jetzt ein fertiger Doppelbau, dessen Architektur ganz besondere Beachtung verdient.

Neue Technologie für präzise Tumorbehandlung. Foto: UK-SH
Einzigartig und entscheidend für den späteren Behandlungserfolg ist die Architektur der Klinik. NRoCK steht auf knapp 700 Betonpfählen, die über 20 Meter in den Boden hineinragen. Auf ihnen ruht eine Bodenplatte, die zwischen 1 und 3,5 Meter dick ist. Sie bildet das Fundament für zwei Häuser: Das Klinikgebäude und das mit dem Teilchenbeschleuniger. Um die 32.000 Kubikmeter Beton wurden hier verbaut. Diese Materialschlacht hat in erster Linie Stabilitätsgründe. So verhindern die Bauherren, dass sich das Fundament absenkt.
Denn hier werden Partikelstrahlen erzeugt und im Ultrahochvakuum über Magnete gelenkt. »Würde eine Gebäudeverschiebung das Magnetfeld verändern, wird der Strahl sofort abgeschaltet«, so der Strategische Geschäftsführer des NRoCK, Professor Bernd Kremer.
Im so genannten Quellenraum nimmt der Partikelstrahl seinen Anfang. Dann geht es von dort durch den Linearbeschleuniger in den Kreisbeschleuniger, das Synchrotron und Herzstück der Anlage. Dort wird der Strahl so lange beschleunigt, bis er die entsprechende Energie hat, um in den Tumor des Patienten einzudringen und dort seine Energie abzugeben. Die Partikel werden dabei auf etwa 60 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt (650 Millionen km/h). Die gesamte Beschleunigungsstrecke zum Patienten beträgt fast 100 Meter. Anschließend geht der Strahl zu den einzelnen Behandlungsräumen ab. Dort wirkt der Strahl horizontal oder von oben auf den Patienten ein. Folglich muss der Strahl gebogen werden, bis er den richtigen Winkel hat. Dies gewährleisten weitere Magnete, die die Strahlen entsprechend biegen. Dafür müssen die Strahlen zunächst 16 Meter in die Höhe klettern. Die Bestrahlung erfolgt dann im Winkel von 45 Grad oder 90 Grad zum Körper des Patienten. Von der bedingungslosen Präzision dieser Strahlenlenkung – die nur auf unerschütterlichen Fundamenten möglich ist – hängt also der spätere Behandlungserfolg ab.

Der künftige Doppelbau mit den Zentren für
konventionelle und Partikeltherapie. Foto: UK-SH
In zirka zwei Jahren soll NRoCK seinen Betrieb aufnehmen und die ersten Krebspatienten behandeln. Gehen die Pläne seiner Erbauer auf, dann könnte das Partikeltherapiezentrum zum Exportschlager werden. Siemens möchte die Kieler Anlage so konstruieren, dass sie als Standard verkauft werden kann. Ein Vertrag für die Lieferung einer Anlage nach Shanghai ist bereits unterzeichnet.
Michael Wieczorek
Vorteile der neuen Strahlentherapie
Die Partikeltherapie hat zwei wichtige Vorteile. Erstens: Bei konventionellen Bestrahlungen wird der Patient für gewöhnlich in eine Röhre gelegt. Dann wird die betroffene Körperregion großflächig im 360°-Winkel bestrahlt mit der Folge, dass dabei auch gesundes, den Tumor umgebendes Gewebe beschädigt wird. Bei der Partikeltherapie hingegen wirkt der Protonenstrahl frontal auf den Patienten ein. Er wird zielgenau ausschließlich auf die Tumorzellen gelenkt und gibt dort seine gesamte Energie ab, so dass hinter den Krebszellen liegendes gesundes Gewebe geschont wird. Zweitens: Kommt die Partikeltherapie nicht oder nur teilweise für den Patienten infrage, kann er auch in Kombination mit herkömmlichen Methoden behandelt werden – dafür wurde das Nebeneinander von zwei Häusern (eines mit konventioneller und das zweite mit Partikeltherapie) konzipiert.
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