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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 58 vom 13.02.2010, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Stabile Grundlage für die Forschung

Der komplizierte Rohbau des neuen Partikelzentrums ist abgeschlossen. Statt Baugerüsten und Kränen steht im Kieler Pastor-Husfeldt-Park jetzt ein fertiger Doppelbau, dessen Architektur ganz besondere Beachtung verdient.


Neue Technologie für präzise Tumorbehandlung. Foto: UK-SH

Noch wollen die beiden grauen Bauten und ihr gigantisch klingender Name nicht zueinander passen. Und dennoch hat das »Nordeuropäische Radionkologische Centrum Kiel« (NRoCK) jetzt Dach und Fenster, womit der schwierigste Teil des Mega-Bauprojekts am künftigen Kompetenzzentrum für Tumorerkrankungen geschafft ist.

Einzigartig und entscheidend für den späteren Behand­lungserfolg ist die Architektur der Klinik. NRoCK steht auf knapp 700 Betonpfählen, die über 20 Meter in den Boden hineinragen. Auf ihnen ruht eine Bodenplatte, die zwischen 1 und 3,5 Meter dick ist. Sie bildet das Fundament für zwei Häuser: Das Klinikgebäude und das mit dem Teilchenbeschleuniger. Um die 32.000 Kubikmeter Beton wurden hier verbaut. Diese Materialschlacht hat in erster Linie Stabilitätsgründe. So verhindern die Bauherren, dass sich das Fundament absenkt.

Denn hier werden Partikelstrahlen erzeugt und im Ultrahochvakuum über Magnete gelenkt. »Würde eine Gebäudeverschiebung das Magnetfeld verändern, wird der Strahl sofort abgeschaltet«, so der Strate­gische Geschäftsführer des NRoCK, Professor Bernd Kremer.

Im so genannten Quellenraum nimmt der Partikelstrahl seinen Anfang. Dann geht es von dort durch den Linearbeschleuniger in den Kreisbeschleuniger, das Synchrotron und Herzstück der Anlage. Dort wird der Strahl so lange beschleunigt, bis er die entsprechende Energie hat, um in den Tumor des Patienten einzudringen und dort seine Energie abzugeben. Die Partikel werden dabei auf etwa 60 Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt (650 Millionen km/h). Die gesamte Beschleunigungsstrecke zum Patienten beträgt fast 100 Meter. Anschließend geht der Strahl zu den einzelnen Behandlungsräumen ab. Dort wirkt der Strahl horizontal oder von oben auf den Patienten ein. Folglich muss der Strahl gebogen werden, bis er den richtigen Winkel hat. Dies gewährleisten weitere Magnete, die die Strahlen entsprechend biegen. Dafür müssen die Strahlen zunächst 16 Meter in die Höhe klettern. Die Bestrahlung erfolgt dann im Winkel von 45 Grad oder 90 Grad zum Körper des Patienten. Von der bedingungslosen Präzision dieser Strahlenlenkung – die nur auf unerschütterlichen Fundamenten möglich ist – hängt also der spätere Behandlungserfolg ab.

Der künftige Doppelbau mit den Zentren für
konventionelle und Partikeltherapie. Foto: UK-SH

Die Finanzierung des Zentrums erfolgt, wie fast bei allen Zentren, aus privaten Mitteln. Genauer betrachtet handelt es sich um ein so genanntes Public-Private-Partnership-Projekt. Vereinfacht gesagt, die neue Hightech-Klinik wird gemietet. Das von der Firma Siemens geführte Betreiber­konsortium garantiert dafür einen Rundumservice für das gesamte Therapiezentrum: Es sorgt für eine kontinuierliche Instandsetzung des Gebäudes und bringt jedes einzelne technische Gerät regelmäßig auf den neuesten Stand. »Wir müssen uns also keine Gedanken über Reinvestitionen in medizinische Geräte machen, müssen aber dafür sorgen, dass wir genug Patienten bekommen, um die Miete zu bezahlen«, erläutert Ralf Kampf, der operative Geschäfts­führer. Nach 25 Jahren geht das Gebäude, dann also immer noch auf dem modernsten technischen Stand, in den Besitz des UK S-H über.

In zirka zwei Jahren soll NRoCK seinen Betrieb aufnehmen und die ersten Krebspatienten behandeln. Gehen die Pläne seiner Erbauer auf, dann könnte das Partikeltherapiezentrum zum Exportschlager werden. Siemens möchte die Kieler Anlage so konstruieren, dass sie als Standard verkauft werden kann. Ein Vertrag für die Lieferung einer Anlage nach Shanghai ist bereits unterzeichnet.

Michael Wieczorek
Vorteile der neuen Strahlentherapie
Die Partikeltherapie hat zwei wichtige Vorteile. Erstens: Bei konventionellen Bestrahlungen wird der Patient für gewöhnlich in eine Röhre gelegt. Dann wird die betroffene Körperregion großflächig im 360°-Winkel bestrahlt mit der Folge, dass dabei auch gesundes, den Tumor umgebendes Gewebe beschädigt wird. Bei der Partikeltherapie hingegen wirkt der Protonenstrahl frontal auf den Patienten ein. Er wird zielgenau ausschließlich auf die Tumorzellen gelenkt und gibt dort seine gesamte Energie ab, so dass hinter den Krebszellen liegendes gesundes Gewebe geschont wird. Zweitens: Kommt die Partikeltherapie nicht oder nur teilweise für den Patienten infrage, kann er auch in Kombination mit herkömmlichen Methoden behandelt werden – dafür wurde das Nebeneinander von zwei Häusern (eines mit konventioneller und das zweite mit Partikeltherapie) konzipiert.
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