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Nr. 58, 13.02.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Fruchtbare Gärten unter Steinen

Die Osterinsel, Rapa Nui, war einst mit rund 16 Millionen Palmen bedeckt. Kieler Wissenschaftler haben nun herausgefunden, warum die Palmen plötzlich ver­schwanden.


Die Steinfiguren der Osterinsel blicken ins Landesinnere, um über die Bewohner von Rapa Nui zu wachen. Foto: CAU

Um die Osterinsel im Pazifik ranken sich seit ihrer Entdeckung durch den Westen im 18. Jahrhundert viele Geheimnisse. Eines davon ist das mysteriöse Verschwinden des Palmenwaldes, der über Jahrhunderte hinweg die Landschaft der einsamen Vulkaninsel prägte. Die polynesischen Bewohner der Insel lebten anfangs im Einklang mit der Natur und wendeten nachhaltige Pflanzenbaumethoden an. Als Zeichen der Ahnenverehrung bauten sie gigantische Steinfiguren, die Moai. Doch ab zirka 1200 nach Christus wurde die Kultur ihrer Lebensgrundlage – der Palmen – beraubt. Als der Boden nicht mehr durch ein Palmendach geschützt wurde, schwemmten Niederschläge die bis dahin sehr fruchtbare Erde vielerorts ab.

Eine viel diskutierte These ist, dass von Siedlern eingeschleppte Ratten die Nüsse der Palmen fraßen und das Baumsterben verursachten. Professor Hans-Rudolf Bork und Dr. Andreas Mieth, Landschaftsökologen am Institut für Ökosystemforschung der Christian- Albrechts-Universität, haben in mehrjähriger Forschungsarbeit eindeutige Beweise gefunden, die diese Ratten-These widerlegen.

»In bis zu hundert Meter langen Bodenaufschlüssen haben wir Kohlerückstände und Wurzelröhren der ausgestorbenen Palmen freigelegt«, erklärt Mieth. »Die Kohle-Funde zeigen ganz klar, dass die Palmen systematisch von Menschenhand gerodet und die Stümpfe verbrannt wurden.« Darüber hinaus weist nur ein verschwindend geringer Teil der gefundenen Nussschalen Fraßspuren der polynesischen Ratte auf. Mieth ist überzeugt: »Dies sind unumstößliche Beweise dafür, dass weder Ratten den Wald vernichteten, noch Naturkatastrophen oder andere Phänomene außer dem Menschen selbst verantwortlich sind.«

Warum aber sollte ein Volk innerhalb von 400 Jahren über 16 Millionen Palmen fällen, wenn doch sein Leben davon abhing? Bork: »Wenn überhaupt, finden wir Antworten nur in den Bodenarchiven. Heute gibt es nur noch wenige Nachfahren der Rapa Nui. Deshalb können wir uns nicht allein auf mündliche Überlieferungen stützen.« Eine für die Kieler Landschaftsökologen plausible Erklärung ist, dass die Palmen der Gewinnung von Trinkwasser zum Opfer fielen. Denn die ersten Rodungen fanden an Orten statt, die am weitesten von den drei eisenreichen Kraterseen der Insel entfernt waren. Ein Hinweis für diese These ist im heutigen Chile zu finden. Hier wächst die einzige Palmenart, die mit jener von Rapa Nui verwandt ist. Die Chilenen nutzen die abgeschlagenen Bäume unter anderem für die Gewinnung von hunderten Litern süßem Saft. »Ein Aspekt, der auch auf der 166 Quadratkilometer großen Pazifikinsel eine wichtige Rolle gespielt haben könnte«, erklärt Bork. Doch anders als die Chilenen dachten die Bewohner von Rapa Nui offenbar nicht an Aufforstung, denn gerodetes Land diente nachweislich der Ausweitung von Gartenflächen und Siedlungen.

Um zirka 1600 nach Christus fielen die letzten Palmen und die Menschen auf der Osterinsel mussten um ihr Überleben kämpfen und die unermüdlich voranschreitende Erosion des Bodens aufhalten. Dafür nutzten die Inselbewohner das einzige Material, das zur Verfügung stand – Steine. Wo sie vorher ihre berühmten Steinfiguren fertigten, setzten sie nun alle menschliche Kraft ein, um die Gärten mit vulkanischen Steinen zu bedecken. Diese befestigten die Erde, schützten vor extremen Niederschlägen und Temperaturschwankungen und speicherten Feuchtigkeit. Rund eine Milliarde Steine wurden über Jahrhunderte von Menschenhand über der Insel verteilt. Die Moai-Kultur wandelte sich in die Steinmulch-Kultur. So schafften sie es, ihrem eigenen Untergang zu entgehen und den Boden der kargen Landschaft fruchtbar zu halten. »So ist die Osterinsel heute ein gutes Beispiel für den direkten Zusammenhang von Landschafts- und Kulturwandel«, resümiert Bork.

Claudia Eulitz
Dr. Andreas Mieth: Die Rätsel der Osterinsel. Vortrag am 23.02.10, 20 Uhr. Ahrensburg, Gemeindesaal der Schlosskirche, Am Alten Markt 9

Die Terra X-Sendung »Heiße Spur auf Rapa Nui« vom 03.01.2010, bei der die Erkenntnisse der Kieler Forscher im Detail vorgestellt wurden, lässt sich voraussichtlich noch fünf Jahre aus der Mediathek abrufen: terra-x.zdf.de
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