Menschen in der Megastadt
In Chinas Süden wachsen im rasanten Tempo gigantische Städte heran. Wie die Bewohner von ehemals dörflichen Regionen mit der zunehmenden Urbanisierung umgehen, untersuchen Kieler Geographen.

Damit die chinesische Stadt Guangzhou wachsen kann, werden alte Siedlungen abgerissen. Foto: CAU
Guangzhou (ehemals Kanton) im Südosten Chinas ist so eine Megastadt. Die alte Handelsstadt mit schätzungsweise zehn Millionen Einwohnern hat sich aufgrund ihrer Lage im Ballungsraum des Perlflussdeltas zu einem wirtschaftlichen Zentrum entwickelt. Etliche transnationale Unternehmen haben sich hier angesiedelt und produzieren Waren für den Binnen- und Weltmarkt. Und die Ausdehnung der Stadt in südlicher und östlicher Richtung schreitet weiter zügig voran. Was das für die Menschen bedeutet, die in den Dörfern entlang der Entwicklungsachsen wohnen, untersuchten Professor Rainer Wehrhahn vom Lehrstuhl für Stadt- und Bevölkerungsgeographie und sein Team im Rahmen eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Titel: "Megacities – Megachallenge – Informal Dynamics of Global Change". Wehrhahn: »Unser Projekt, bei dem wir mit Wissenschaftlern der RWTH Aachen zusammenarbeiten, ist angesiedelt in der Gesellschafts-Umweltforschung, speziell in der so genannten Vulnerabilitätsforschung. In mehreren Fallstudien analysieren wir im Detail, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen den Wandel wahrnehmen, bewerten und wie sie damit umgehen. Die Veränderungen sind schon vergleichbar mit dem, was man aus der Katastrophenforschung kennt.«
Im Zentrum einer Fallstudie steht das Dorf Shibi, südlich des Stadtkerns von Guangzhou, das vor allem durch die Landwirtschaft geprägt ist. Hier entsteht zurzeit der neue Hauptbahnhof von Guangzhou, der einer der größten und modernsten Bahnhöfe Asiens werden soll. Der zukünftige Knotenpunkt für alle Hochgeschwindigkeitszüge soll rechtzeitig zu den Asienspielen in diesem Jahr fertig werden – und wird es vermutlich auch. Die Reaktionen auf dieses Großprojekt, für das etwa 35 Quadratkilometer Fläche bebaut und umstrukturiert werden, fallen bei den Bewohnern des Dorfes nicht durchweg negativ aus. Das hat Anna Lena Bercht herausgefunden, die für ihre Promotion am Geographischen Institut ausführliche Interviews mit den Bewohnern geführt hat. »Wanderarbeiter, die hier gelandet sind, erhoffen sich zusätzliche Arbeitschancen bei den Bautätigkeiten und in angesiedelten Fabriken.« Sie sehen vor allem die positiven Seiten. Während Bewohner, die in Shibi aufgewachsen sind und von der Landwirtschaft leben, den Verlust ihrer Existenz befürchten. Denn es ist keineswegs sicher, dass sie die offiziell vorgesehenen Ausgleichszahlungen für ihre Ackerflächen auch tatsächlich bekommen und falls ja, ob diese ausreichen, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Andere Bewohner, die Wohnraum zur Vermietung an Wanderarbeiter schaffen können, machen sich nicht so große Sorgen.
»Wir interessieren uns vor allem für diese Unterschiede«, so Bercht. »Woran liegt es, dass Menschen trotz gleicher Ausgangssituation die extremen Veränderungen so unterschiedlich bewerten? Warum können einige besser damit umgehen als andere?« Dabei spielten nicht nur externe Faktoren wie Wohneigentum oder Nutzungsrechte für Landwirtschaft eine Rolle, sondern auch psychologische Faktoren, eine optimistische Einstellung zum Beispiel. Ob die Urbanisierung mehr Vorteile als Nachteile hat, hängt aber auch von der politischen Steuerung ab. Ein Ziel des Kieler Projekts ist auch, herauszufinden, »wie Umstrukturierungsprozesse im urbanen Raum sozial verträglich gestaltet werden können. Daran ist auch die chinesische Führung interessiert«, so Wehrhahn. »Denn es gibt vielfältige Proteste im Land, etwa gegen Enteignungen und Zwangsräumungen. Sie dringen zwar kaum nach außen, werden von der chinesischen Führung aber durchaus ernst genommen.«
Kerstin Nees
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