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unizeit Nr. 58 vom 13.02.2010, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Auf dem Sprung

Auch ohne etwas zu riechen, reagieren wir auf den Geruch von Angstschweiß unserer Mitmenschen. Diese automatische Geruchsverarbeitung haben Kieler For­scher entdeckt und in radiologischen Untersuchungen des Gehirns nachvollzogen.


Von Tieren ist schon lange bekannt, dass sie über spezielle Duftmarken ihre Artgenossen vor Gefahren warnen. Der Ver­haltensforscher und spätere Nobelpreisträger Karl von Frisch (1886 – 1982) hat bereits 1941 "Über einen Schreckstoff der Fischhaut und seine biologische Bedeutung" berichtet. »Er konnte zeigen, dass Fische, die zum Beispiel von einem Hecht angegriffen werden, unter den Schuppen liegende Duftsignale ins Wasser abgeben und dadurch den ganzen Schwarm auseinanderstieben lassen«, erläutert Professor Roman Ferstl. »Das hat sicherlich einen evolutionären Vorteil, wenn man so ein Fluchtsignal im Wasser erkennt.«

Dass auch Menschen in Stresssituationen chemische Alarmsignale in Form von Duftstoffen aussenden, auf die andere Menschen reagieren, hat eine Arbeitsgruppe um Ferstl erstmals nachgewiesen. Die Unter­suchung wurde im Fachblatt PLoS One veröffent licht. Untersuchungsmaterial war der Angstschweiß von 49 Probanden vor einer wichtigen Prüfung, der mittels Wattepads unter den Armen gesammelt wurde. Als Kontrollduft dienten Schweißproben derselben Probanden beim Sport. 28 andere Freiwillige schnüffelten die unterschiedlichen Schweißproben in einem speziell für die Studie konstruiertem Gerät (Olfaktometer), während gleichzeitig mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) die Hirnaktivität aufgezeichnet wurde. »Die lagen im Scanner und atmeten abwechselnd Kontrollgerüche und Angstgerüche über eine Atemmaske ein«, erläutert Alexander Prehn-Kristensen von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der seine Doktorarbeit im Rahmen der Studie angefertigt hat. »Das waren ganz kurze Geruchspräsentationen, und nur die Hälfte hat überhaupt etwas gerochen.« Die fMRT-Bilder waren jedoch eindeutig, unabhängig davon, ob der Geruch bewusst wahrgenommen wurde oder nicht. »Zu den Zeitpunkten, an denen wir den Angstgeruch präsentierten, wurden die Gehirnregionen aktiviert, die – wie man aus anderen Studien weiß – mit Empathie zu tun haben, also dem Gefühl sich in andere hineinzuversetzen«, so Prehn-Kristensen. »Mit dem Geruch haben wir die Bereitschaft angestoßen, empathisch zu reagieren, ohne dass das den Leuten, die im Scanner lagen, klar war.«

Die automatische Geruchsverarbeitung ist für Professor Ferstl das Frappierendste an den Ergebnissen. »Die Angstsignalerkennung erfolgt offensichtlich automatisch, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die ausgelöste Reaktion muss man sicher noch weiter untersuchen. Es spricht aber sehr viel dafür, dass der Angstgeruch ein sehr starkes soziales Signal aussendet.« In einer anderen Kieler Studie habe man zum Beispiel gefunden, dass Probanden unter diesem Angstgeruchseindruck Gesichter völlig anders bewerten. Schreckreaktionen, die während der Präsentation des Angstgeruchs ausgelöst werden, fallen wesentlich stärker aus, als die, die unter Sportschweißgeruch stattfinden. Ferstl: »Unser Organismus, unser ganzer psychischer Apparat, wappnet sich für mögliche Gefahren. Soziale Signale aus dem Gesicht, vermutlich auch aus der ganzen Körperhaltung, werden anders eingeschätzt.«

Kerstin Nees
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