Von Vorbildern lernen
Auch ohne Schule lässt sich nach heutigem Maßstab fürs Leben lernen. Lehr- und Lernformen des Mittelalters waren Thema einer Tagung in Kiel.
Man stelle sich vor: Sechs Schüler sitzen in einem Raum des Schlosses und lauschen den Worten der adligen Dame. Dann bringen sie noch etwas mit Feder und Tinte zu Papier und sprechen ein gemeinsames Gebet. So kann eine Unterrichtsstunde um 1500 ausgesehen haben. Ganz schöner Luxus, verglichen mit den überfüllten Klassen von heute! Für Kinder fand im Mittelalter der Unterricht nicht zwingend an einer Kloster- oder Stadtschule statt, Lernen von Vorbildern war fast überall möglich. Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen wurden als Teil einer guten Lebensführung verstanden.
Entsprechend vielfältig sind die Lernformen, denen eine interdisziplinäre Gruppe von Nachwuchsforschenden unter der Leitung von Ursula Kundert nachgeht: »Uns interessiert in erster Linie, auf welche Weise die Lehrinhalte damals vermittelt wurden«, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Althochdeutsche Verse aus dem 9. Jahrhundert erklären, weshalb Menschen zunehmend über die eigene Sprache nachdachten. Pergamentscheiben zum Drehen in einer Handschrift des 13. Jahrhunderts sprechen den Tastsinn an. Notizen in Rhetorik-Lehrbüchern aus dem 15. Jahrhundert beweisen zum Beispiel einerseits, dass die Studenten die lateinische Sprache auch für Unsachliches beherrschten, und andererseits, dass aus Geldmangel der Studenten nur ein Teil des Lehrbuchs behandelt werden konnte. Briefe verraten, wie privilegierte Kinder Fremdsprachen lernten: »Da wird der kleine Fürst mit zwei Mitschülern nach Flandern geschickt, die nur Französisch können. Das würde man heute Immersionsunterricht oder Sprach-Bad nennen«, so die Juniorprofessorin für Deutsche Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. In ihrer Funktion als Nachwuchsbeauftragte des Mediävistenverbandes veranstaltete sie die internationale und interdisziplinäre Nachwuchstagung "Lehr- und Lernformen des Mittelalters. Theorien – Institutionen – Medien". Von der Universität Kiel nahmen daran auch Sprachwissenschaftler, klassische Philologen und Kunsthistoriker teil. Die Ergebnisse der Tagung werden als Themenheft der Zeitschrift "Das Mittelalter" publiziert.
Michael Wieczorek
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