Suchen Sitemap Kontakt Impressum

Studierende | Studieninteressierte | Presse | Fördern
Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte | Alumni | Wirtschaft | Intranet

Zur Startseite

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 58 vom 13.02.2010, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

»Mein Haus ist voller Schätze«

Marlene Kaeding wohnt in der Lübecker Altstadt in einem Haus, dessen Geschichte 700 Jahre zurückreicht.


In vielen Lübecker Altstadthäusern sind Wände und Decken bemalt. Ein kunsthistorisches Forschungsprojekt hat die bekannten Malereien systematisch erfasst. Foto: pur.pur

In der Altstadt von Lübeck teilen sich die Häuser immer noch die Brandmauern aus dem 13. Jahrhundert, auch wenn sie später oft umgebaut wurden. Typisch für die historischen Bauten sind die hohe Diele als Zentrum, die "Dornse" (Stube) zur Straße hin, darüber Küche und Schlafräume. Neben der Hoftür schließt ein Seitenflügel an, um das schmale Grundstück auf dem Altstadthügel optimal aus­zunutzen. Und in fast jedem Raum ist bei der Sanierung mit Schichten von Malerei zu rechnen, die aus dem 14. bis 18. Jahrhundert stammt.

So ist es auch bei Marlene Kaeding, die sich 2001 ihren Haustraum erfüllt hat. Ihre grau gestrichene Diele gibt ihre Geheimnisse nur dem Kenner preis. Von einer Restauratorin hat Kaeding dort kleine Felder freilegen lassen: Blumenornamente spitzen da hervor, und auf der Tür unter der Treppe wächst aus einem Kübel ein Orangenbäumchen. »Es wäre sehr teuer, alles freizulegen – und man müsste ständig darauf achten, nirgends anzustoßen«, sagt die Hausbesitzerin. Wie prachtvoll das Haus einmal gewesen sein muss, ahnt man im ersten Zimmer des Seitenflügels. Die Balkendecke ist vollständig bemalt. Farbige Ornamente umgeben Medaillons, auf denen Land­schaftsbilder abwechseln mit Putten, die Attribute der vier Jahreszeiten tragen.

Bauhistoriker Michael Scheftel zeigt eine
Decke mit Landschaftsbildern aus der Zeit um 1700.

Ungefähr 2000 solcher Altstadthäuser sind in Lübeck erhalten. »Egal ob die früheren Besitzer arm oder reich waren – mit Malerei muss man selbst in den kleinen Buden rechnen«, sagt Dr. Manfred Eickhölter. Er ist einer von drei wissenschaftlichen Mitarbeitern des Projekts "Wand- und Deckenmalerei in Lübecker Häusern 1250 bis 1800", das Professor Uwe Albrecht vom Kunsthistorischen Institut der Kieler Universität gemeinsam mit der Lübecker Denkmalpflege gestartet hat. Von 2005 bis 2009 erfassten die Forscher die Malerei in 400 Lübecker Häusern in einer Datenbank, mit Beschreibungen, Fotos und Hinweisen auf die einstigen Besitzer. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

»Erfasst sind alle Häuser, die bereits saniert wurden«, erklärt Dr. Annegret Möhlenkamp von der Denkmalpflege in Lübeck. Die Zusammenarbeit mit der CAU sei für sie eine wertvolle Hilfe: »Als städtische Behörde können wir keine DFG-Gelder beantragen, außerdem behalten wir so den Kontakt zur aktuellen Forschung.« Über den einzigartigen Lübecker Bestand seien schon einige Magister- und Studienarbeiten geschrieben worden.

Das Restaurieren der Malereien ist aufwändig, daher werden oft nur kleine Ausschnitte freigelegt.

Zu denen, die sich schon frühzeitig mit den Häusern der Lübecker Altstadt befassten, gehörte Dr. Michael Scheftel. Nach dem Architekturstudium in Hannover kam er 1980 über ein bauhistorisches Forschungsprojekt nach Lübeck. »Damals wollte man viele dieser alten Häuser einfach abreißen«, erzählt er. »Die Altstadt war keine schicke Wohnlage – in unserem Haus haben auf engstem Raum zwölf Mietparteien gelebt.« Scheftel kaufte sein Haus 1993, 2002 begann er mit der Sanierung. »Es bröckelt überall, aber das ist bei so einem alten Haus selbstverständlich«, sagt der Bauhistoriker. »Dafür hat man eine Qualität, die ein neues Haus nicht bietet.« Man müsse nur kreative Lösungen finden. So ist die Wandmalerei in Schlaf- und Kinder­zimmern eingehaust, also mit einer Wand verkleidet, um sie zu schützen. Die Balkendecke im Seiten­flügel dagegen liegt offen, und man erkennt dort sogar mehrere Schichten von Malerei: Unter Landschaftsbildern aus der Zeit um 1700 ist die Intarsienmalerei zu sehen, die 100 Jahre früher gefragt war.

»Die Ornamente helfen uns, eine Malerei zeitlich einzuordnen«, erklärt Annegret Möhlenkamp. »Durch das Forschungsprojekt haben wir jetzt eine zeitliche Reihenfolge von Ornamenten – wenn wir in Zukunft Wandmalerei in einem Haus finden, können wir sie damit datieren.« Den Experten reiche schon ein kleines Fragment, um ein Ornament zu erkennen. »Das ist der Vorteil gegenüber der figürlichen Malerei, wo es bei Fragmenten oft schwierig ist, die Szene zu deuten.« So ist es zum Beispiel bei Familie Butt, die seit anderthalb Jahren in einem Altstadt-Haus wohnt. »Wir haben ab 2006 zunächst das Haus hergerichtet, die Malerei ist noch nicht restauriert«, sagt Dr. Kaschlin Butt. Oben an der Dielenwand ist eine Hand zu erkennen, aber der Rest der Malerei ist unvollständig und für Laien nicht zu entziffern.

Vor der Sanierung: In vielen Häusern ist die
Malerei noch nicht konserviert.

Obwohl die Familie gezielt nach einem Altstadt-Haus gesucht hat, sei der Wunschtraum auch mit Einschrän­kungen verbunden. »Man muss Haus und Grundstück nehmen, wie sie sind – man kann nicht mal eben etwas abreißen und eine Terrasse hinbauen«, sagt Kaschlin Butt. Auch das Heizen sei nicht einfach – die Wandmalereien, das alte Holz brauchten ein bestimmtes Klima. »Außerdem kann man nicht irgendwelche Möbel in die historischen Räume stellen.« Sie hat sich für eine Mischung aus antiken Möbeln und Spezialanfertigungen entschieden.

Ein historisches Gebäude zu bewohnen, bringt Kosten und Verpflichtungen mit sich. Doch viel wichtiger ist den Eigentümern die Faszination der alten Häuser, die in jeder Schicht ein Stück Geschichte offen­baren. Marlene Kaeding: »Das Sanieren ist anstrengend – aber ich habe die Entscheidung nie bereut.«

Eva-Maria Karpf
Zum Seitenanfang  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität, presse@uv.uni-kiel.de