Entzündungsblocker
Auf breiter Front wollen Wissenschaftler der Leberentzündung zu Leibe rücken. Mit dabei sind Spezialisten aus Kiel.
Jährlich etwa 2,5 Millionen Euro stehen der Universität Hamburg zwischen 2010 und 2013 für ihren Sonderforschungsbereich Leberentzündung zur Verfügung. Gewöhnlich bewilligt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) solche Sonderforschungsbereiche nur für jeweils ein und denselben Hochschulstandort, in diesem Fall hat sie aber eine Ausnahme gemacht. Beteiligt sind mit der Hebrew University Jerusalem, der Universität Zürich und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gleich drei weitere Unis, die mit an Bord genommen werden dürfen, weil es dort ganz besondere Kenntnisse und Erfahrungen gibt.
In Kiel betrifft das die Biochemiker um Professor Stefan Rose-John, der bereits seit mehr als 20 Jahren über eine Substanz forscht, die bei Leberentzündungen eine große Rolle spielt. Es handelt sich um das Zytokin Interleukin-6 (IL-6), das zu den etwa 50 hormonartigen Stoffen gehört, die das Immunsystem und den Rest des menschlichen Körpers koordinieren. Liegt eine Leberentzündung vor, dann nimmt gerade dieses Zytokin deutlich zu. Damit drängt sich im Umkehrschluss die These auf, dass therapeutisch viel gewonnen wäre, wenn es gelänge, IL-6 einzudämmen. Auf diesem Gebiet hat die Arbeitsgruppe von Rose- John bereits erhebliche Fortschritte gemacht. Sie entwickelte ein mittlerweile patentiertes Protein, das in der Lage ist, die entzündungsfördernden IL-6-Zytokine zu blockieren, ohne dabei die allgemeine Immunabwehr des Körpers zu beeinträchtigen.
Sollte dieses in Tierversuchen bereits erfolgreich erprobte Verfahren auch beim Menschen funktionieren, sähe es laut Professor Rose-John künftig um die therapeutischen Nebenwirkungen »sehr viel günstiger« aus. Ein intaktes Immunsystem macht den Körper schließlich sehr viel weniger anfällig für Infekte und andere Störungen.
Der Hamburger Sonderforschungsbereich passt den Kielern insofern prächtig ins Konzept. Sie haben sich das Ziel gesetzt, ihren Ansatz bis 2013 am Beispiel der Leber zu verifizieren und damit molekularbiologische Grundlagenforschung ganz handfest an den Patienten zu bringen. Das geschieht parallel auch auf einem anderen Weg. Das von Rose-John entwickelte Designer-Protein hat zur Ausgründung der Firma Conaris geführt, die ihrerseits mit einem kapitalkräftigen dänischen Unternehmen zusammenarbeitet. Damit stehen in nächster Zeit zweistellige Millionenbeträge zur klinischen Erprobung der Substanz zur Verfügung. Die erste Phase soll noch in diesem Jahr beginnen, abgeschlossen sein werden die Tests nach Einschätzung von Rose-John frühestens 2014.
Der Kieler Beitrag stellt indes nur einen Teil im großen Ganzen dieses von Professor Ansgar Lohse geleiteten Sonderforschungsbereiches dar. Das ebenfalls beteiligte Bernhard-Nocht- Institut aus Hamburg will in dem SFB vor allem den Aspekt der Infektion weiter erforschen. Unter Federführung von Lohse liegt ein weiterer Schwerpunkt darauf, die Immunregulation besser zu verstehen und nachzuvollziehen, wie es passiert, dass sich manchmal das Immunsystem gegen die Leber richtet oder warum virale Infektionen in der Leber manchmal einfach nicht abklingen wollen und zur Entwicklung von Leberkrebs führen können.
Martin Geist
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