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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 59 vom 10.04.2010, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Im Netz des Wissens

Über immer mehr Kanäle prasseln heutzutage immer mehr Informationen auf die Menschen ein. Die Folgen sind umstritten.


Foto: Clix

Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat ein großes Gespür für die Sprache – und für Entwicklungen, die im Volk Unbehagen hervorrufen. In seinem Buch über den »Methusalem-Komplex« thematisierte er die Konsequenzen der Überalterung der Gesellschaft. In seinem neuesten Werk »Payback« nimmt er sich den Segen und vor allem den Fluch des Informationszeitalters vor.

Damit, so sind sich der Medienwissenschaftler Professor Hans Jürgen Wulff und der Neurologe Professor Günther Deuschl einig, spricht der FAZ-Mann wichtige Themen an. »Keine SMS, kein Blog, kein Tweet, kein Click geht verloren«, heißt es in dem Buch. »Wir füttern mit unseren Gedanken, Worten und E-Mails das Wachstum eines gewaltigen synthetischen Hirns.« Die Konsequenzen beschreibt er an sich selbst: »Ich bin unkonzentriert, vergesslich und mein Gehirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu vergessen oder zu versäumen.«

Kaum jemandem, der beruflich mitten im Leben steht, ist diese Zustandsbeschreibung fremd. Günther Deuschl jedenfalls nimmt sie mit einem wissenden Schmunzeln zur Kenntnis. Allein 150 E-Mails erreichen den Direktor der Klinik für Neurologie Tag für Tag. Viele davon sind einfach nur lästig, manche dringend, einige dringend und zugleich wichtig.

Das, so sagt Deuschl, bedeutet einen Zwang zum steten Sortieren. Es bedeutet aber auch die stete Versuchung, sich die neu eingetroffene Elektronikpost sofort zu Gemüte zu führen und die eigentliche Arbeit zu unterbrechen. »Manchmal lasse ich mich schon ablenken«, gesteht der Kieler Professor, der aus Schirrmachers Buch nicht nur unter diesem Aspekt einige richtige Befunde herausliest.

Auch des Autors Verdacht, wonach sich die künstliche Intelligenz immer mehr die menschliche Denkweise untertan macht, kann Deuschl teilweise nachvollziehen. Bei seinen Studierenden beobachtet er zunehmend, dass sie die klassischen Lehrbücher links liegen lassen und stattdessen geistiges »Junk Food« zu sich nehmen: »Es muss alles in Häppchen portioniert sein.« Fragenkataloge werden zu einem immer wichtigeren Medium zur Examensvorbereitung. Wer fleißig paukt, kann dann zwar in der Prüfung die richtigen Antworten ankreuzen, jedoch nicht unbedingt die zugrundeliegenden Probleme verstehen.

»Viel zu kurz gegriffen« wäre es nach Überzeugung von Deuschl freilich, solche Entwicklungen allein auf ein Übermaß an Informationsquellen zurückzuführen. So ist nach seiner Einschätzung die zunehmende Spezialisierung innerhalb der Wissenschaft zwar oft nützlich und davon abgesehen ohnehin nicht aufzuhalten, aber sie führt eben auch zur Portionierung der Erkenntnis. Einschlägige Leitlinien zu einzelnen Krankheitsbildern etwa umfassen meist kaum mehr als 30 bis 40 Seiten, sind aber zusätzlich mit oft mehr als 1000 Seiten Erläuterungen versehen. Kein Allgemeinmediziner kann diese Anhänge im Kopf behalten, und so muss er sich eben an das halten, was Deuschl als »gefrorenes Wissen « bezeichnet. Als eine Kompromisslösung, die der komplexen Wirklichkeit zwar nicht gerecht werden kann, die aber »immer noch besser ist, als gar nichts zu wissen«.

Schirrmachers These, wonach die neuen Formen des Informationsflusses sogar die neuronalen Vernetzungen im Gehirn umpolen und daraus eine Art Computer aus Fleisch und Blut machen, hält Professor Deuschl allerdings für gar zu kühn. Mit bildgebenden Verfahren lasse sich zwar grob darstellen, welche Gehirnteile bei welchen Denk- oder Bewegungsvorgängen aktiviert werden, was aber konkret zwischen den einzelnen Nervenzellen passiert, sei immer noch »viel zu wenig bekannt«.

Gegen eindimensionale Betrachtungsweisen wendet sich auch Medienwissenschaftler Wulff. Schirr­machers Klage über die nachlassende Lesefähigkeit selbst bestens gebildeter Angehöriger der jüngeren Generation entspringt für Wulff einer aus dem Bildungsbürgertum abgeleiteten »Utopie des Lesens«. Dass sich Studierende mit der Lektüre komplexer theoretischer Texte schwer tun, sei im Übrigen »gar nicht so neu« und habe schlicht damit zu tun, dass die jeweiligen Autoren bisweilen »unverschämt unverständlich schreiben«.

Zu kurz bei »Payback« kommen für Wulff vor allem aber die positiven Seiten der Informations­gesellschaft. Zwar leidet der Professor ebenfalls unter der tagtäglichen E-Mail-Flut (»Ich fluche oft«), doch wenn er als Autor mit Verlagen und Redaktionen kommuniziert, preist er die Möglichkeiten des Mailens als grandiosen Fortschritt. Und nicht zuletzt leistet das Internet für den Kieler Hochschullehrer einen großen Beitrag zur Demokratisierung des Wissens. Wulff trägt dazu persönlich bei, indem er ein Online-Lexikon zur Filmwissenschaft herausgibt und gegenwärtig alle seine jemals publizierten Texte ins Netz stellt.

In einem Punkt aber ist der Medienwissenschaftler sogar noch konsequenter als Schirrmacher: Er besitzt bis heute kein Handy.

Martin Geist


Zum Weiterlesen: Frank Schirrmacher: Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. München 2009.
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