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unizeit Nr. 59 vom 10.04.2010, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Eine besondere Sammlung

Ein Meilenstein in der medizinischen Forschung war 1974 die Einführung des Kieler Lymphknoten-Registers. Jetzt wird diese Erfolgsgeschichte historisch aufgearbeitet.


Das Archiv von Karl Lennert birgt wertvolle historische Quellen. Foto: pur.pur

Die Lymphdrüsen sind als Bestandteil des Immunsystems und als Abflusssystem, das Gewebeflüssigkeit ins Blut leitet, für den Menschen gleich doppelt bedeutsam. Aber auch anfällig. Schwellungen etwa der Lymphknoten am Hals können auf harmlose Entzündungen im Gefolge einer Erkältung hindeuten, unter Umständen sind sie jedoch ein Hinweis auf lebensbedrohliche Tumore. Fachleute sprechen dann von malignen Lymphomen, deren Diagnose lange Zeit selbst erfahrenen Ärzten Probleme bereiten konnte. Zu selten traten solche Erkrankungen in einzelnen Praxen oder Kliniken auf, um die eine Krebsform von der anderen verlässlich unterscheiden zu können.

Diese schwierige Diagnostik war ein großes wissenschaftliches Problem – und erst recht ein medizinisches. Schließlich drohte jede Therapie zu einer Art Glücksspiel zu werden. Dass sich das inzwischen geändert hat und die Heilungschancen drastisch gestiegen sind, ist maßgeblich ein Verdienst von Professor Karl Lennert, 1963 bis 1989 Ordinarius für Allgemeine Pathologie sowie Direktor des Pathologischen Instituts des Uni-Klinikums in Kiel. Er baute von 1965 an das Kieler Lymphknoten- Register auf, das letztlich auf einen Bestand von 300.000 Gewebeproben wuchs.

Alte Gewebeproben werden unter dem Mikroskop noch einmal analysiert. Foto: pur.pur

Lennert und seine Mitarbeiter, die ihr Material aus ganz Deutschland bekamen, leiteten daraus in akribischer Arbeit die sogenannte Kiel-Klassifikation ab: Diagnosestandards, die nach den Worten des Kieler Pathologen Dr. Wolfram Klapper in wesentlichen Teilen bis heute ihre Gültigkeit behalten haben und sich immer noch in der aktuellen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation WHO wiederfinden.

Wie es dazu gekommen ist, dass aus einer zunächst bloßen Sammlung von Gewebeproben derart qualifiziertes und beständiges Wissen erwachsen ist, soll jetzt in einem von der Volkswagenstiftung mit mehr als 280.000 Euro geförderten Projekt erforscht und teilweise auch filmisch dokumentiert werden. Ein Historiker wird anhand eines über Jahrzehnte zu Forschungszwecken immer wieder neu untersuchten Teilbestandes von Gewebeschnitten ergründen, welche Arbeitsstrategien Professor Lennert anwandte und welche davon sich als besonders zielführend erwiesen. Für Eva Fuhry, die Leiterin der in der Brunswiker Straße untergebrachten Medizinhistorischen Sammlung, ist dieser von Karl Lennert intensiv bearbeitete Teilbestand eine »ganz wertvolle Quelle«. Was sie besonders daran schätzt: Während Geschichte gewöhnlich nur anhand schriftlicher Quellen nachvollzogen wird, steht in diesem Fall die konkrete materielle Substanz in Form von Gewebeschnitten im Zentrum des Interesses.

Probe aus dem Archiv des Professors: Nur Fachleute können erkennen, dass es sich hier um ein gefährliches Lymphom handelt. Foto: Uni Kiel

Nach welchem System die Proben archiviert wurden, wie genau Lennerts ausgeklügeltes System der Wiedervorlage bereits untersuchter Gewebeproben funktionierte, wenn neuere Forschungsergebnisse oder unerwartete Krankheitsverläufe die ursprüngliche Diagnose in Frage stellten, und welchen Einfluss die internationale Zusammenarbeit der Arbeitsgruppe um Professor Lennert in wissenschaftlichen Netzwerken besaß, das gehört zum historischen Forschungsauftrag. Klar ist schon jetzt, dass Lennert eine ausgeprägte Kultur des Revidierens pflegte und teils noch nach Jahrzehnten seine alten Diagnosen zurechtrückte.

Noch mehr zurechtrücken könnte die Arbeit der Pathologin Karoline Koch, die einen Teil der etwa 10.000 Schnittpräparate aus Lennerts Privatarchiv mit modernen Methoden abermals analysieren wird.

Und schließlich sollen in die Forschung die Erinnerungen von Zeitzeugen einfließen, zu denen auch Professor Lennert gehört. Die Erläuterungen des mittlerweile 88-Jährigen gehen über das hinaus, was seine ohnehin schon ausführlichen Vermerke zu den einzelnen Sammlungsstücken enthalten.

Martin Geist
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