Tumore ausbremsen
Noch bekämpfen Mediziner den Lymphdrüsenkrebs oft mit der Rasenmähermethode. Auf der Suche nach einer gezielten Therapie haben Kieler Humangenetiker einige Hürden überwunden.
In ihrem Kampf gegen den Goliath Krebs haben es die Genforscher wirklich nicht leicht. Allein bei den Krebserkrankungen des lymphatischen Systems sind heute über 50 verschiedene Formen bekannt. Dabei können die Tumoren des Lymphgewebes (Lymphome) unter dem Mikroskop identisch aussehen. Biologisch und klinisch verhalten sie sich aber trotzdem sehr unterschiedlich. Die Kieler Forscher suchen im Erbgut der Krebszellen nach Antworten, warum sich Tumorzellen im Körper eines Betroffenen rasant vermehren. 2009 gelang ihnen nach 15 Jahren Suche ein Durchbruch: Sie erkannten, dass ein fehlendes Eiweiß bei einigen Formen von Lymphdrüsenkrebs dafür verantwortlich ist. Professor Reiner Siebert vom Kieler Institut für Humangenetik vergleicht es mit einer Art fehlender Bremse: »Bestimmte Signale gehen von der Zelloberfläche zur Erbsubstanz der Zelle und sagen: Wachse schneller! Unter normalen Umständen wird dieser Signalweg von einem bestimmten Protein, dem sogenannten A20-Eiweiß blockiert.«
Die Kieler Genetiker konnten zeigen, dass in den Krebszellen von Hodgkin-Lymphomen häufig genau dieses Eiweiß fehlt, was zur gesteigerten Aktivität von Wachstumsbeschleunigern in der Zelle führt. In zirka 40 Prozent der Krankheitsfälle ist dieses Gen nicht aktiv. »Das Gute beim Menschen ist, dass wir zwei Bremsen bekommen, eine von der Mutter, eine vom Vater, weil wir zwei Kopien der allermeisten Gene haben – das ist so etwas wie Handbremse und Fußbremse gleichzeitig. Bei einer Veranlagung für Krebserkrankungen kann es sein, dass man von einem Elternteil eine defekte Bremse geerbt hat. Fällt die andere dann auch noch aus, kommt es zur Entstehung von Krebs«, so Siebert.
Der zweite Mechanismus, der die Entstehung von Tumorzellen begünstigt, verhält sich eher wie ein Gaspedal. Die Überaktivität eines solchen Gaspedals konnten die Kieler Humangenetiker ebenfalls im vergangenen Jahr entdecken. Es heißt CRLF2 und ist ein Molekül an der Oberfläche von Zellen, das Wachstumssignale an die Zelle weitergibt. Seine Überaktivität führt zur bösartigen Veränderung von Zellen und dadurch zur Entstehung von akuter lymphatischer Leukämie. »Wenn ein Auto zu schnell fährt, dann heißt es, dass es zu viel Gas gibt. Solche Gaspedale gibt es in der Zelle auch, wir nennen sie Onkogene«, so Siebert.
Inzwischen hat der Genforscher aufgehört, die von seiner Arbeitsgruppe identifizierten Krebsgene zu zählen, denn sein Team findet immer wieder neue Gene, deren Deregulation zur Krebsentstehung führen kann. Gemeinsam mit Kollegen in der ganzen Welt arbeiten sie gerade an der Charakterisierung weiterer Onkogene. Mit jeder Entdeckung finden sie mehr über das Netzwerk von Genen heraus. Gene, denen bestimmte Funktionen zugeordnet werden können, lassen sich so in Familien kategorisieren.
Momentan interessiert Siebert und sein Team brennend die Frage: Was gibt es für Gen-Schalter, die die Gene ein- und ausschalten? Damit sind die Kieler Wissenschaftler mitten im großen und wichtigen Bereich der Epigenetik, in dem sie beim Thema Lymphome weltweit ebenfalls führend sind. In nicht allzu ferner Zukunft möchten sie komplette Genome und Epigenome von Krebszellen charakterisieren, um so die »Archillesfersen« der Tumoren für die Therapie zu identifizieren. Das langfristige Ziel ist die Klassifizierung verschiedener Erkrankungen, und wenn das gelingt, dann kommen konventionelle Therapien auf den Prüfstand. Chemotherapie oder Bestrahlung richten sich lediglich gegen alle sich schnell teilenden Zellen, sind wenig zielgerichtet und haben ihre Nebenwirkungen. Professor Siebert schweben aber Medikamente vor, die gezielt nur die Tumorzellen angreifen – ganz nach der Devise: Ist die Bremse kaputt, dann wird nur sie repariert und nicht das ganze Auto.
Michael Wieczorek
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