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unizeit Nr. 59 vom 10.04.2010, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Linke Hand im Kopf

Aus Linkshändern Rechtshänder machen – das ist ein Stück weit möglich. Es funktioniert aber nicht völlig.


Foto: Digital Stock

Professor Hartwig Siebner ist Neurologe und widmet sich seit Jahren der Motorikforschung. Ein Thema, das ihn schon immer fasziniert hat, ist die Händigkeit – also der bevorzugte Gebrauch einer Hand. Rechtshänder benutzen meistens die rechte Hand, deren Bewegungen von der linken Großhirnhälfte gesteuert werden. Linkshänder dagegen gebrauchen bevorzugt ihre linke Hand und nutzen zur Steuerung ihre dominante rechte Hemisphäre.

Bereits 2001 nahm der damals noch in München tätige Wissenschaftler seine erste Studie mit einem linkshändigen Doktoranden vor, der zum Rechtsschreiber trainiert worden war.

»Was passiert eigentlich im Gehirn mit umgelernten Linkshändern?«, lautete dabei die Fragestellung. Dazu nutzen Siebner und seine Kollegen moderne bildgebende Methoden, die die funktionelle Aktivierung des Gehirns während einer Schreibaufgabe erfassten. Das Ergebnis: Umtrainierte Linkshänder, die also mit der rechten Hand schrieben, aktivierten für den reinen Bewegungsvorgang genauso wie die geborenen Rechtshänder ihre linke Gehirnhälfte. Anders sah es in den am Schreiben ebenfalls beteiligten kognitiven Arealen des Gehirns aus. Diese Hirnregionen sind zuständig für die übergeordnete Steuerung von Schreibbewegungen, die sich genaugenommen aus einer Abfolge zahlloser kleiner Bewegungsbausteine zusammensetzen und deshalb einer präzisen Koordination bedürfen. Die echten Rechtshänder aktivierten dazu ihre rechte dominante Gehirnhälfte, die angelernten dagegen beide Gehirnhälften.

Für Siebner bedeutet das, dass selbst dann, wenn ein geborener Linkshänder noch so elegant mit rechts schreibt, das Gehirn diese Umstellung nie voll und ganz mitmacht. Die für den Linkshänder dominante Gehirnhälfte spielt immer noch eine Rolle bei der Bewegungskontrolle, obwohl die rechte Hand die Bewegungen ausführt. Im Kopf steckt sozusagen immer noch ein Stück Linkshänder.

An der Uni Kiel weitete der Neurologe später seine Versuche aus. Siebner nutzte als Bildgebungsverfahren die funktionelle Magnetresonanztomografie, um herauszufinden, wie das Gehirn umtrainierter Linkshänder einfachste Handbewegungen steuert. Die Probanden mussten dazu eine Computertastatur bedienen und nach Vorgaben der Versuchsleiter wechselweise mit dem linken oder rechten Zeigefinger eine Taste drücken. Das Resultat war eindeutig: Auch hier benutzten die umtrainierten Linkshänder viel stärker ihre rechte Gehirnhälfte, wenn sie mit ihrem rechten oder linken Finger auf die Tastatur drückten. Dieser Unterschied zeigte sich auch im Vergleich zu Linkshändern, die nicht umgelernt worden waren.

»Man könnte also überspitzt formulieren, dass die umgelernten Linkshänder im Gehirn nicht zu Rechtshändern sondern zu besseren Linkshändern wurden. Händigkeit lässt sich im Gehirn eigentlich nicht umlernen«, schlussfolgert Hartwig Siebner, der diese Aussage durch vielfache Beobachtungen im Alltag bestätigt sieht. Beim Öffnen einer Dose, beim Ballspielen und überhaupt immer dann, wenn es sozial toleriert wird, benutzen demnach die umgelernten Linkshänder bevorzugt ihre angeborene Lieblingshand.

Die neueste Untersuchung des Forschers, der mittlerweile Wissenschaftsdirektor des dänischen Forschungszentrums für Magnetresonanz in Kopenhagen ist, förderte auf den ersten Blick bedenklich Anmutendes zutage. Mit der Magnetresonanztomografie fertigte das Team von Siebner sehr feine Bilder einzelner Gehirnregionen an. Der Größenvergleich einzelner Hirnstrukturen zeigte, dass das sogenannte Putamen, ein wichtiges Kerngebiet an der Basis der Großhirnhemisphäre, bei den auf rechts getrimmten Linkshändern deutlich kleiner ist als bei natürlichen Rechtshändern.

Das lässt zunächst einmal aufhorchen, weil das Putamen maßgeblich an der Kontrolle von Bewegungsabläufen beteiligt ist. Man könnte befürchten, dass derlei Umerziehungsmaßnahmen bei den Betroffenen zu einer gestörten Ausreifung der motorischen Hirnstrukturen führen und sich nachteilig auf die motorische Entwicklung auswirken könnten. In einer parallelen Untersuchung fand Siebner jedoch heraus, dass das Putamen bei Musikern kleiner dimensioniert ist als bei Nichtmusikern. Das Putamen ist also relativ klein in einer motorisch hochtrainierten Personengruppe, die mit der linken Hand gleichzeitig oft völlig andere Bewegungen ausführt als mit der rechten und insofern über ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Koordinierungsvermögen verfügt.

»Weniger ist in diesem Fall nicht schlechter«, befindet Siebner und rät zu Gelassenheit im Umgang mit dem Links- und Rechtshänderproblem. Eine Umschulung bringt nach seiner Einschätzung keine fassbaren Nachteile in der Ausbildung motorischer Kompetenzen, wohl aber könne diese Prozedur psychologisch Schaden anrichten. Linkshänder sollten deshalb Linkshänder bleiben dürfen, lautet das Plädoyer des 45-Jährigen, der damit im Grunde offene Türen einrennt. Die teils rabiaten Umtrainierungsmethoden früherer Zeiten gehören in Deutschland längst der Vergangenheit an. Rechtshändig gemachte Linkshänder sind mithin eine fast schon aussterbende Gattung. Anders hingegen sieht es in den Teilen der Welt aus, wo in der Gesellschaft nach wie vor die Vorstellung vorherrscht, dass Linkshändigkeit etwas Verwerfliches ist. Dort werden zuweilen immer noch drastische Methoden angewandt, um die Betroffenen auf den vermeintlich rechten Weg zu bringen.

Martin Geist
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