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unizeit Nr. 59 vom 10.04.2010, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Heilsame Kälte

Intensivmediziner können durch Absenken der Körpertemperatur auf 32 bis 34 Grad Celsius Menschenleben retten und Schäden durch Sauerstoffmangel minimieren.


Nach einem plötzlichen Herzstillstand kann etwa jeder zweite Patient wiederbelebt werden. Eine sofortige Kühlung verbessert die Prognose. Foto: Picture Alliance

Künstliche Hypothermie nennen Mediziner das Abkühlen der Patienten zu therapeutischen Zwecken. In der Herzchirurgie arbeiten Ärzte bereits seit den fünfziger Jahren mit Kälte, um den Stoffwechsel von Patienten zu verlangsamen und den Sauerstoffbedarf des Körpers zu reduzieren. In den Anfängen ging dies nur über eine Oberflächenkühlung zum Beispiel in einer Wanne mit Eiswasser oder mit Eispackungen. Heute kühlt man Patienten von innen mit einem Wärmeaustauscher über eine Herz-Lungen-Maschine. Dabei arbeiten die Ärzte in der Regel mit einer Absenkung der Körpertemperatur um wenige Grad, um Komplikationen zu vermeiden. Problematisch wären etwa Herzrhythmusstörungen, Elektrolytentgleisungen und Blutgerinnungsstörungen. »In dem Bereich der milden Hypothermie, also der Abkühlung auf 32 bis 34 Grad Celsius, ist das Verfahren jedoch sicher«, erklärt Dr. Patrick Meybohm, Facharzt an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UK S-H) Campus Kiel. Zudem werden die Patienten gut überwacht. »Wir kontrollieren, dass die Patienten nicht zu sehr abkühlen, damit die Zieltemperatur exakt erreicht wird. Außerdem entnehmen wir wiederholt Blut, um Elektrolyte wie Kalium, Magnesium und vor allem Kalzium zu messen und gegebenenfalls zu korrigieren.«

Routinemäßig eingesetzt wird die Hypothermie nach wie vor bei Herzoperationen. »Alle 1400 Patienten, die jedes Jahr bei uns an der Klinik am Herzen operiert werden, werden während der Operation an der Herz-Lungen- Maschine heruntergekühlt. Nach der Operation werden sie wieder aufgewärmt.« Großes Potenzial hat die Kältetherapie aber auch bei Menschen, die nach einem plötzlichen Herztod erfolgreich wiederbelebt wurden. Die durch den Sauerstoffmangel verursachten Schäden lassen sich durch Kühlung der Patienten minimieren, wie Studien zeigen. Von 100 Patienten mit plötzlichem Herztod gelingt bei jedem zweiten die Wiederbelebung. Doch viele sterben später an den Folgen. Nur einer von zehn Patienten überlebt das Ereignis trotz intensivmedizinischer Behandlung im Krankenhaus. Patrick Meybohm: »Wenn man aber direkt kühlt, dann überleben doppelt so viele Patienten. Dann sind es nicht 10 Prozent, sondern 20 Prozent.« In internationalen Leitlinien wird die milde Hypothermie über 12 bis 24 Stunden bei bewusstlosen Patienten nach erfolgreicher Herz-Lungen-Wiederbelebung empfohlen. Als Kühlverfahren kommen Eispackungen, die Infusion kalter Flüssigkeiten oder spezielle Kühlkatheter zum Einsatz.

Was die Kälte so heilsam macht, hat Patrick Meybohm im Rahmen seiner Habilitationsarbeit am Tiermodell erforscht. »Wir haben beim Schwein einen Herz-Kreislauf-Stillstand simuliert und in Gewebeproben von Herz und Hirn die Antwort des Körpers auf den Sauerstoffmangel analysiert.« Dabei kam heraus, dass große Mengen von Entzündungsbotenstoffen (Zytokinen) wie Interleukin 1, Interleukin 6 und Interleukin 10 freigesetzt wurden. Diese führen zu schädlichen Prozessen an Zellen und Geweben und letztlich zum Organversagen. Die Kühlung verhindert den Ausstoß der Entzündungsstoffe. »Damit konnten wir erstmals zeigen, dass die Hypothermie Entzündungsprozesse vermindert und deswegen die Organschäden minimiert. Alle Signalwege, die für die Schädigung verantwortlich sind, werden abgeschwächt oder blockiert. Das schafft kein Medikament.«

Für seine experimentellen Arbeiten zum Einfluss einer Kühlung nach einem Herz-Kreislauf- Stillstand hat Meybohm ein Förderstipendium der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Notfall- und Intensivmedizin (DIVI) erhalten. Die Arbeiten zum Schwerpunkt »Experimentelle Notfallmedizin« (Leitung: Dr. Berthold Bein) werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Doch Herzoperation und Herz-Kreislaufstillstand sind nicht die einzigen Einsatzgebiete der Hypothermie. Überall dort, wo Schäden durch Sauerstoffmangel drohen, dürfte das Verfahren vorteilhaft sein. Zum Beispiel nach einem Herzinfarkt oder einem Schlagfall. In Tierversuchen konnte bereits gezeigt werden, dass man durch Kühlung mehr Hirngewebe nach einem Schlaganfall retten kann als ohne Kühlung. Auch Hirnschäden, die ein Sauerstoffmangel während der Geburt verursacht, können durch Kühlen der Neugeborenen begrenzt werden, wie erste Studien andeuten. Wo und wie die Hypothermie nützlich sein kann, wird Patrick Meybohm bei seiner Antrittsvorlesung im Rahmen des Habilitationsverfahrens am 23. April berichten.

Kerstin Nees
Stichwort Reanimationsregister
Die Überlebenschancen nach einem plötzlichen Herztod sind gering. Selbst wenn der Notarzt rechtzeitig vor Ort ist und die Wiederbelebung gelingt, überleben nur 10 Prozent den Vorfall. Eine Datenbank im Internet – genauer gesagt ein bundesweites Reanimationsregister – soll die Situation verbessern. Erfasst werden hier Daten aus dem Notarzteinsatz sowie die Weiterversorgung in der Klinik und der Langzeitverlauf. Die Ärzte sollen ihre Maßnahmen und Ergebnisse eintragen und haben die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit denen anderer Notärzte auszutauschen. Bereits über 150 Notarztstandorte dokumentieren zurzeit ihre Einsätze im Register, das von der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, UK S-H Campus Kiel, koordiniert wird. Daten von über 8000 Patienten liegen bereits vor. Diese sollen in eine wissenschaftliche Auswertung eingehen und Erkenntnisse darüber liefern, wie die optimierte Behandlung nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand aussehen sollte.

www.reanimationsregister.de
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