| unizeit Nr. 59 vom 10.04.2010, Seite 8 |
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Alles, was Fisch braucht
Um die optimale vegetarische Kost für Fische, die sich normalerweise räuberisch ernähren, geht es in Forschungsprojekten der Büsumer Anlage für marine Aquakultur.

Diese Mini-Wolfsbarsche bekommen ständig Futter ins Becken. Das hält sie davon ab, sich gegenseitig aufzufressen. Foto: pur.pur
Das Erste, was beim Betreten der Halle auffällt, ist der Geruch nach Fisch. Aber weder Fisch noch Seetang oder dergleichen sind zu sehen. Stattdessen fällt der Blick auf schwarze Plastikbecken, fünf nebeneinander, alle etwa 1,10 Meter hoch und 1,50 Meter im Durchmesser, und noch einmal fünf gegenüber. Rote, orange, blaue und graue Rohre führen Nordseewasser in die Tonnen hinein oder aus ihnen heraus. Über hellgraue Abflussrinnen fließt das Wasser in weitere Becken oder in noch größere Tonnen, wo Mikrosiebe, Sedimenter, Abschäumer und verschiedene Biofiltertypen es von sichtbarem und unsichtbarem Schmutz befreien können. Gesäubert kehrt das Wasser wieder zu den Tonnen zurück. Denn nur in sauberem Wasser fühlen sich die Fische »pudelwohl«, die zu Forschungszwecken in dem geschlossenen Kreislaufsystem zu gesunden und verzehrsfähigen Exemplaren heranwachsen sollen. Zurzeit ist die Anlage unter anderem mit Steinbuttzöglingen bevölkert. Etwa 1000 kleine Plattfische teilen sich eine Tonne. Viel Abwechslung haben sie dort nicht, dafür aber auch keine Feinde. Die meiste Zeit liegen die Fische am Boden ihrer Tonne – über-, unter- und nebeneinander. Aber sobald ein Mitarbeiter der Anlage Futter aufs Wasser streut, schwimmen sie nach oben und holen sich ihre Ration.

Ob das Testfutter geeignet ist, lässt sich am Wachstum der Fische ablesen. Foto: pur.pur
Das richtige Futter für die Zuchtfische zusammenzustellen, ist gar nicht so einfach, vor allem wenn man auf die knapper werdende Ressource Fischmehl verzichten will. Denn Aquakultur ist nur dann ein Weg, die Überfischung der Meere zu stoppen, wenn wir den Zuchtfischen als Futter nicht ebenfalls Fische verabreichen müssen. »Wenn wir die Produktion von Seefischen in Aquakultur weiterhin erhöhen wollen, müssen wir also künftig einen Weg finden, die Fische mit alternativen Rohstoffen zu füttern«, erklärt Professor Carsten Schulz. Der wissenschaftliche Leiter der Gesellschaft für Marine Aquakultur (GMA) in Büsum hat an der Christian- Albrechts- Universität zu Kiel eine Professur für Marine Aquakultur inne und betreut diverse Doktoranden und Studierende der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät.
Das Fischmehleiweiß kann theoretisch durch pflanzliche Proteine ersetzt werden. Inwieweit das auch in der Praxis funktioniert, also ob die Fische das pflanzliche Futter fressen und verwerten, sollen aktuelle Forschungen zeigen. Schulz: »Wir arbeiten in einem Projekt mit Rapsextraktionsschroten, die bei der Biodieselherstellung in großen Mengen anfallen.«

In diesen speziellen Aquarien, hier mit Regenbogenforellen, wird der Kot der Fische zur weiteren Analyse aufgefangen. Foto: pur.pur
Das daraus hergestellte Eiweißkonzentrat haben die Wissenschaftler zu unterschiedlichen Anteilen im Fischfutter eingesetzt, um den Fischmehlanteil schrittweise zu ersetzen. »Bei der Ernährung von Regenbogenforellen haben wir ohne negative Auswirkungen auf Wachstumsparameter der Fische das Fischprotein im Futter zu 100 Prozent durch das Rapsprotein ersetzen können. Beim Steinbutt hat es nicht geklappt. Da konnten wir nur etwa ein Drittel des Fischmehlproteins austauschen. Warum, können wir uns bis heute nicht eindeutig erklären.«
Neben Raps sind auch Kartoffeln eine denkbare Proteinquelle für das Fischfutter. Große Mengen des pflanzlichen Proteins bleiben bei der Stärkeproduktion übrig. Probleme bereiten allerdings die Bitterstoffe (Alkaloide), die in der Kartoffel vorkommen. Im Futtermittel verbleibende Bitterstoffe führen dazu, dass die Fische es nicht fressen, wie die Versuche zeigen. »Je höher der Anteil der Kartoffelproteine, desto geringer ist die Futteraufnahme«, so Schulz.
Die Herausforderung besteht also darin, Futter mit pflanzlichen Proteinen zu kreieren, das auch vom Fisch gefressen wird. Und zudem soll es hinsichtlich Gesundheit und Nährwert der Fische der natürlichen Nahrungsquelle gleichwertig sein. »Wir versuchen hier einen Fisch, der sich normalerweise räuberisch ernährt, mit Pflanzen zu füttern«, erläutert der Fischzuchtexperte. »Da muss man natürlich schauen, ob der Fisch gesund ist, ob Stressparameter, Blutwerte und Gewebe unverändert bleiben und natürlich auch, ob er schmeckt, ob er in sensorischer Hinsicht so abschneidet, wie die Wildkollegen.«
Kerstin NeesDie Forschungs- und Entwicklungsanlage für marine Aquakultur in Büsum wurde im Sommer 2009 eröffnet. In der vom Land Schleswig-Holstein geförderten Anlage befassen sich Agrar- und Ernährungswissenschaftler der CAU, Verfahrenstechniker der FH Flensburg und Biologen des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) mit der Aufzucht von Wasserorganismen in geschlossenen Kreislaufsystemen.
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