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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 60 vom 29.05.2010, Seite 2  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die dunkle Seite der Triebe

Wissenschaftlich im Dunkeln tappen: Das ist nötig, um zu ermessen, wie viele Kinder sexuell missbraucht werden, ohne dass es je eine offizielle Stelle erfährt.


Foto: Digital Stock

Jedes dritte Kind wird mindestens einmal im Leben Opfer eines sexuellen Übergriffs. Oder sind es »nur« zwanzig Prozent – oder zwei bis drei Prozent? Die Zahlen zu diesem Thema scheinen einem statistischen Bauchladen zu entstammen, aus dem sich jeder ganz nach seinen jeweils favorisierten Argu­menten bedienen kann.

Wie manche Angabe zustande und in Umlauf kommt, darüber wundert sich auch Professor Hartmut Bosinski, Leiter der Sektion Sexualmedizin auf dem Kieler Campus des Uni-Klini­kums. Dennoch betont er: »Es ist absolut möglich, auf seriöse Weise realistische Größenordnungen zu ermitteln.«

Erste Bezugsgrundlage ist dabei die amtliche Statistik. Und die besagt, dass jährlich etwa 16.000 Anzeigen wegen sexuellen Kindesmissbrauchs erstattet werden. Weil aber bekannt ist, dass viele Taten – besonders jene im Familienkreis – nicht angezeigt werden, setzen Wissenschaftler wie Bosinski auf die Methode nachträglicher Befragungen. Zufällig ausgewählte 18 bis 65 Jahre alte Erwachsene sollen angeben, ob und wie oft sie im Alter von bis zu 14 Jahren Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden sind. Dabei kommen bundesweit repräsentative Erhebungen zu dem Schluss, dass acht Prozent der Frauen und drei Prozent der Männer sagen, als Kinder schon einmal sexuell missbraucht worden zu sein – und zwar in Form von Übergriffen mit unmittelbarem Körperkontakt. Das kann bloße, aber eindeutige Berührung ebenso bedeuten wie brutale Vergewaltigung.

Umgerechnet auf die tatsächlich angezeigten Fälle bedeutet das, dass die Dunkelziffer ungefähr fünfmal so hoch ist und von jährlich etwa 70.000 missbrauchten Kindern ausgegangen werden muss. »Rechnerisch wird also jede achte Minute irgendwo in Deutschland ein Kind missbraucht«, sagt Bosinski, der andererseits keine Anhaltspunkte für eine Zunahme derartiger Übergriffe festmachen kann. Aufschlussreiches offenbaren die Dunkelfeldstudien auch zur Täterstruktur. Zu 50 Prozent entstammen die Täter demnach der Familie, zu 20 Prozent aus dem Bekanntenkreis, und zu 30 Prozent sind sie absolut fremd. Bei 35 bis knapp 50 Prozent dominieren pädophile Neigungen. Die übrigen sind dagegen Gelegenheitstäter, die entweder ihre Macht ausnutzen oder aber Kinder als Ersatzobjekte für nicht vorhandene erwachsene Geschlechtspartner missbrauchen. Dieser zweite Typus dürfte laut Bosinski in Familien vergleichsweise häufig vorkommen. Dagegen müssen Fremdtäter, die sich gezielt Kinder als Opfer suchen, häufiger als Pädophile eingeordnet werden. Pädophile Frauen gibt es derweil offenbar nur ganz selten. Wenn Frauen – was ebenfalls nur in fünf Prozent der offiziell erfassten Delikte der Fall ist – als Täterinnen in Erscheinung treten, dann fast immer in unterstützender Funktion für einen männlichen Partner.

Warum aber bleibt Kindesmissbrauch überhaupt so oft unentdeckt? Schweigen und bewusstes Wegsehen in den Familien scheint das eine große Problem zu sein, Unwissenheit und Unsicherheit in vielen gesellschaftlichen Gruppierungen das andere. »Haus- oder Kinderärzte, die eine Familie seit Jahren betreuen, tun sich manchmal schwer damit, etwas zu unternehmen, wenn sie den Eindruck haben, da könnte was nicht in Ordnung sein«, sagt der Rechtsmediziner Professor Hans-Jürgen Kaatsch. Solche Hemmungen sind aus seiner Sicht umso nachvollziehbarer, als für die Betroffenen schwere Konsequenzen vom Entzug des Kindes bis zur gerichtlichen Verurteilung drohen. »Da ist es schon verständlich, wenn man sich fragt, was eigentlich passiert, wenn man sich irrt«, sagt Kaatsch.

Um ihren Kollegen aus derartigen emotionalen wie fachlichen Zwickmühlen herauszuhelfen, bieten die Kieler Rechtsmediziner seit mehr als zehn Jahren so genannte Konsiliarberatungen an. Der jeweilige Arzt hält dabei das Heft des Handelns in der Hand, die forensischen Experten unterstützen ihn jedoch mit ihrer Erfahrung und ihrem Fachwissen. Passt die geschilderte Verletzungsursache zum Befund? Gibt es ältere Verletzungen vergleichbarer Art? Liefern ergänzende Untersuchungen durch Kinderärzte oder Gynäkologen Anhaltspunkte? Und wie sieht es mit Abstrichen aus, die beispielsweise Hautpartikel fremder Personen im Intimbereich des möglichen Opfers hervorbringen können? Das sind nur wenige aus einer Vielzahl von Fragen, denen bei solchen Kooperationen zwischen niedergelassenen Ärzten oder anderen Kliniken und der Rechtsmedizin auf den Grund gegangen wird.

In ähnlicher Weise leistet die Rechtsmedizin Unterstützung für unmittelbar Betroffene. Hegt etwa eine Mutter den Verdacht, ihr Partner könnte sich an ihrem Kind vergriffen haben, so bieten die Experten eine umfassende Palette an Diagnose und Beratung auf. Organisationen wie der Kinderschutzbund oder das Präventionsbüro PETZE werden zudem stets hinzugezogen. Denn, so sagt Professor Kaatsch: »Nichts ist schlimmer als zu sagen: "Ja, da ist etwas passiert", und die Leute dann allein zu lassen.«

Martin Geist
Ein Fall für viele Fächer
Sexueller Missbrauch an Kindern ist kein Fall für ein bestimmtes Fachgebiet. Konsequent wie kaum anderswo in Deutschland wird diese Erkenntnis an der Universität Kiel umgesetzt. Unter dem Dach des Zentrums für Rechtspsychologie, Kriminalwissenschaften und forensische Psychopathologie (ZRKFP) arbeiten Psychologen, Juristen und Mediziner fachübergreifend zusammen, um dieses Thema in der Forschung wie in der Lehre voranzubringen. Allgemeine und forensische Sexualmedizin ist beispielsweise Bestandteil des Lehrangebots für angehende Psychologen und Kriminologen. Studierende der Medizin müssen im siebten Semester verpflichtend die so genannte Ge waltvorlesung im Rahmen der RechtsmedizinLehrveranstaltung belegen. Auch hier wird das Problem aus verschiedenen fachlichen Perspektiven beleuchtet. Teilweise referieren dazu externe Experten und Vertreterinnen von Beratungsorganisationen. (mag)
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