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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 60 vom 29.05.2010, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Lektüre für Europäer

Spanisch mit Cervantes, Deutsch mit Thomas Mann: Ein europäisches Projekt will kulturelle Identität durch Literatur vermitteln.


Wer Romanistik studiert, denkt dabei an Länder, die ihn interessieren, an Sprachen, die er gerne spricht. »Kaum jemand studiert heute moderne Sprachen wegen der Literatur«, so die Erfahrung von Professor Javier Gómez-Montero vom Romanischen Seminar der Kieler Uni. Das soll sich ändern mit dem auf zwei Jahre angelegten EU-Projekt »University and School for a European Literary Canon« (Universität und Schule für einen europäischen Literaturkanon), das die römische Universität La Sapienza koordi­niert. Partner der Dozenten und Studierenden des Romanischen Seminars sind neben Schulen und Hochschulen in Italien, Portugal, Spanien und Rumänien erstmals auch Lehrer und Schüler der Gelehrtenschule sowie weiterer Kieler Gymnasien.

»Wir sind noch in der Planungsphase, aber es gibt schon viele Ideen. Im Mai fand das erste Planungstreffen in Rom statt«, sagt Javier Gómez-Montero. Er stellt sich Lesungen, Vorträge und Debatten mit Übersetzern und Literaturvermittlern vor, vielleicht auch Theaterstücke. »Ich bin sehr gespannt auf Projekte der Schü­ler und Lehrer. Wir hoffen natürlich, dass sich die kulturellen Einrichtungen der Stadt ebenfalls engagieren.« Im Idealfall werde das Projekt in Kiel eine Sogwirkung für das Land entfalten, hofft Gómez-Montero.

Inhaltlich ist ihm wichtig, dass der Begriff »Kanon«, also die Zusammenstellung bedeutsamer Werke, so weit wie möglich gefasst wird. »Dazu gehören natürlich die Klassiker, wie Dante, Cervantes, Goethe«, so der Romanist. »Genauso müssen wir dabei aber auch zeitgenössische Autoren einbinden, die für eine bestimmte Region oder Gruppe sprechen, zum Beispiel muslimische Europäer oder Autoren aus den baltischen Ländern.« Eine zentrale Aufgabe für die europäische Literatur übernähmen zudem die Übersetzer. Sie bestimmten mit, wie ein Werk in einem anderen Land gelesen werde. Zum Beispiel sei der »Don Quijote« mal als tiefgründiger Text und mal als komische Posse aufgefasst worden. »Alle dreißig, vierzig Jahre kommen neue Übersetzungen heraus, so dass jede Generation ihre Klassiker neu erschafft.« Auch die CAU versteht sich als Vermittlerin von Literatur. »Von Kiel aus können wir norddeutsche Autoren wie Thomas Mann oder Theodor Storm, aber auch die skandinavischen Schriftsteller nach Südeuropa bringen«, sagt Gómez-Montero. »Jedes Kind in Frankreich oder Spanien kennt die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen – das ist ein Beispiel für einen erfolgreichen Export aus dem Norden.«

Ziel des Projekts sei außerdem, methodologische Impulse zu liefern, wie europäische Literatur als Ganzes gesehen und in Schule und Universität unterrichtet werden kann. »Die Stärke Europas liegt in den kulturellen Unterschieden, seine Identität entsteht aus dem Zusammenspiel der Sprachen und kulturellen Traditionen.« Literatur spiele dabei eine wichtige Rolle, weil sie die Sprache eines Landes präge. Literatur zu lesen sei eine Voraussetzung für den anspruchsvollen Spracherwerb. Vor diesem Hintergrund hält es Professor Gómez-Montero für wichtig, dass die Initiative gerade von der Romanistik ausgeht: »Die romanischen Länder und ihre südeuropäischen Nachbarn haben mehr zu bieten als Gastronomie und Folklore.« Vor kurzem hat etwa die literarische Übersetzerwerkstatt der CAU unter seiner Leitung den Lyrikband des kanarischen Dichters Andrés Sánchez-Robayna »Was das griechische Meer mir anvertraute« als zweisprachige Ausgabe im Kieler Ludwig Verlag herausgegeben.
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