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Nr. 61, 10.07.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Vom Hitler-Putsch zur Spiegelaffäre

Anwalt im Prozess um den Hitler-Putsch und keiner Auseinandersetzung abgeneigt: Der Strafrechtslehrer Hellmuth Mayer trug seinen Beinamen »Anders-Mayer« zu Recht.


Adolf Hitler, rechts neben Erich Ludendorff (Bildmitte), posiert mit den weiteren Angeklagten des Hitler-Ludendorff-Putsches. Foto: Ullstein

Noch nicht einmal 30 Jahre alt war der in Würzburg tätige Jurist, als er 1924 erstmals im politischen Rampenlicht stand. Gemeinsam mit dem Münchner Rechtsanwalt Alfred Holl verteidigte er Friedrich Weber, den militärischen Führer im sogenannten Bund Oberland. Diese Vereinigung war Teil des von Adolf Hitler geführten »Kampfbundes«, der 1923 die Verantwortung für den gescheiterten Putschversuch im Bürgerbräukeller trug.

»Mayer wies als Verteidiger im Hitler-Prozess ein Engagement auf, das über ein gewöhnliches Verteidigerverhalten hinausging«, beurteilt Dr. Natalie Willsch dessen damaliges Wirken. In ihrer von 2004 bis 2007 am Lehrstuhl von Professor Heribert Ostendorf entstandenen Dissertationsschrift befasst sie sich intensiv mit der Lebens- und Wirkungsgeschichte des Strafrechtlers, der sich nur schwer in eine Schublade packen lässt – selbst mit solch relativ großer zeitlicher Distanz. Für ihre Arbeit erhielt die Juristin den Fakultätspreis 2009.

Als Verteidiger argumentierte Mayer im Hitler- Prozess damit, dass der Putschversuch schon deshalb nicht strafbar sein könne, weil er sich gegen die nicht rechtsgültige Verfassung der Weimarer Republik gerichtet habe. Schon die Beendigung des vorausgegangenen Ersten Weltkriegs stellte für den Anwalt zudem einen »ungeheuerlichen Verrat und Rechtsbruch« dar.

In der damaligen Zeit hingen aber nicht allein die Nazis solchen Gedanken an. Willsch jedenfalls rechnet Mayer den »völkisch- konservativen Elementen der Gesellschaft« zu, die »dem Nationalsozialismus auf bestimmten Gebieten sehr nahe standen«, aber eben keine wirklichen Nazis waren.

So sind einerseits in seinem 1936 veröffentlichten Buch »Das Strafrecht des deutschen Volkes« Sätze wie dieser zu lesen: »Die ungeheure Wichtigkeit und Dringlichkeit der Rassesicherung kann niemand leugnen.« Andererseits hält Willsch dem Strafrechtler »mitunter deutlich nationalsozialismuskritische Äußerungen« zugute. Und auch fachlich hatte sich Mayer immer wieder den Mut zur eigenen Meinung bewahrt. Im von den Nazis eingerichteten »Ausschuss für Strafrecht« äußerte sich Mayer als Einziger entschieden gegen eine Ausweitung der Euthanasie und beharrte auf der ur-rechtsstaatlichen Position, dass der Staat nicht eine bloße Gesinnung bestrafen dürfe, sondern dass immer auch eine sanktionswürdige Tat vorliegen müsse.

Hellmut Mayer (1895-1980) war von 1947 bis 1963 Rechts­professor an der CAU. Foto: Uni Kiel

In der Bundesrepublik wirkte Hellmuth Mayer dann ohne jeden Zweifel als liberalkonservativer Strafrechtslehrer, der immer mal wieder dem Zeitgeist trotzte und bei den Studierenden besonders wegen seiner oft dem Sexualstrafrecht entnommenen drastischplastischen Beispiele sehr beliebt war. 1947 war der Professor nach Kiel gekommen, wo er unter anderem das Kriminologische Seminar aufbaute und vorzugs­weise mit Publikationen zum Straftatbestand der Untreue bis heute beachtete wissenschaftliche Akzente setzte.

Hoch schlugen die Wogen noch einmal 1962, ein Jahr vor Mayers Emeritierung. Mit einem kritischen Artikel über den Zustand der Bun­deswehr hatte das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« die Staats­macht gegen sich aufgebracht und sah sich mit dem später als haltlos eingestuften Vorwurf des Landesverrats konfrontiert. Umstritten war in diesem Zusammenhang die in Spanien, also auf dem Territorium eines fremden Staates, vorgenommene Verhaftung des Spiegel-Redakteurs Conrad Ahlers. In einer freilich abstrakt und allgemein gehaltenen Abhandlung bezeichnete Mayer diese Vorgehensweise als prinzipiell rechtskonform. Was ihm in der aufgeheizten Atmosphäre der damaligen Zeit allerdings den Vorwurf einbrachte, er unterstütze die staatliche Unterdrückung der Pressefreiheit durch konstruierte strafrecht­liche Vorwürfe. Insofern blieb Professor Hellmuth Mayer bis zum Schluss seiner akademischen Lauf­bahn, was er immer gewesen war: ein Mensch und Wissenschaftler, an dem man sich reiben konnte.

Martin Geist
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