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Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Schichten erzählen Geschichte

Der Seeboden als Archiv: Was der Grund eines Gewässers über seine Vergangenheit verrät, untersucht eine Forschergruppe um den Kieler Umwelthistoriker Ingmar Unkel auf der griechischen Halbinsel Peloponnes.


Forschungsplattform im entlegenen Hochbebirgstal. Foto: Ingmar Unkel

Der griechischen Mythologie zufolge besiegte einst Herakles, Sohn des Zeus, am Ufer des Stymphalos-Sees einen Schwarm mörderischer Vögel. Doch die antiken schriftlichen Überlieferungen sind nicht die einzige Quelle, aus der sich Informationen über das Gebiet im Nordosten des Peloponnes gewinnen lassen. Juniorprofessor Ingmar Unkel von der Graduiertenschule »Entwicklung menschlicher Gesellschaften in Landschaften« an der CAU erforscht die Geschichte des Sees und seiner Umgebung nicht literaturwissenschaftlich, sondern mittels geochemischer Methoden. »Mich interessiert speziell das Wechselspiel von Mensch und Natur, das die Landschaft dort in den letzten Jahrtausenden geprägt hat«, so Unkel. Dabei untersucht der Fachmann für Umweltgeschichte, wie die Menschen dort die Veränderung der Landschaft erlebten und inwieweit sie selbst Einfluss darauf nahmen.

Der See in einem entlegenen Hochgebirgstal – heute Stymfalia genannt – eignet sich besonders für eine solche Untersuchung, weil er weit und breit das einzige natürliche Gewässer dieser Größe auf dem Peloponnes und bereits viele tausend Jahre alt ist. Zudem trocknet er selten aus und verspricht damit ein kontinuierlich abgelagertes Sedimentarchiv am Seeboden aufzuweisen. Die Schichten, die sich im Laufe der Jahrtausende dort angesammelt haben, bergen eine Fülle von Informationen.

Mit einem Team aus Geowissenschaftlern, Ökologen und Technikern reiste Ingmar Unkel im März nach Griechenland. Von einer schwimmenden Plattform aus trieben sie einen Bohrer in den Seeboden, um einen senkrechten Querschnitt durch die Sedimentschichten für weitere Analysen zu gewinnen. »Schicht für Schicht archivieren die Sedimente die Umweltgeschichte. Und in diesem Archiv möchte ich mittels des Bohrkerns stöbern«, erzählt der 32-jährige Wissenschaftler.

Das Bohren selbst war allerdings schwieriger als angenommen. Statt des erwarteten weichen Untergrunds stieß das Team auf relativ harte, kompakte Ablagerungen.

Die Mühe beim Bohren hat sich gelohnt: 15 Meter misst der Kern, der vom Grund des Stymphalos geholt wurde. Erste Radiokohlenstoffdatierungen ergaben, dass die untersten Schichten über 30.000 Jahre alt sind. Besonders interessieren Unkel jedoch die letzten 7.000 – damals wurden die Menschen auf dem Peloponnes sesshaft, wodurch sie die Landschaft stärker als zuvor geprägt haben dürften.

Der Bohrkern wird nun von den Wissenschaftlern aus Unkels Forschungsgruppe in Kiel mit verschiedenen Verfahren unter die Lupe genommen. Dabei kommt modernste Technik zum Einsatz. »Im Geoforschungszentrum Potsdam haben wir untersucht, wie viele magnetisierbare Bestandteile der Kern enthält. Darunter fallen etwa Eisen- und Titanminerale«, berichtet Unkel. So könne sich etwa ein Staubsturm aus der Sahara, der einst über den See gefegt ist, im Sediment nachzeichnen lassen.

In Kiel untersuchen die Forscher mittels Röntgenfluoreszenzanalyse die Zusammensetzung der Schichten, ohne den Bohrkern zu zerstören. Diesen Vorteil bieten verhältnismäßig simple Verfahren wie das Ausglühen einer Probe nicht. Doch auch daraus gewinnt Unkel eine Erkenntnis: Nur das organische Material verbrennt, sein Anteil lässt sich durch Wiegen vor und nach dem Ausbacken im Muffelofen ermitteln.

Foto: pur.pur

Mit den Ergebnissen der verschiedenen Analysemethoden möchte Unkel ein möglichst exaktes Bild vom Wandel der Landschaft am Stymphalos gewinnen. Dabei sind zahlreiche Gegebenheiten zu berücksichtigen: So könnte zum Beispiel eine Schicht extrem feinen Sediments im Bohrkern darauf hindeuten, dass zur entsprechenden Zeit ein besonders dichter Schilfgürtel die Ufer säumte – die Pflanzen wirken wie ein Filter und lassen gröbere Partikel, die etwa von starkem Regen herangeschwemmt werden, nicht ins Wasser des Sees gelangen.

»Ich finde es spannend, aus den Untersuchungsergebnissen auf die Prozesse zu schließen, die vor Tausenden von Jahren abgelaufen sind. Das hat ein bisschen etwas von Detektivarbeit«, freut sich Ingmar Unkel, der das Forschungsumfeld an der CAU besonders schätzt. »Die zahlreichen interdisziplinären Kontakte, besonders durch die Graduiertenschule, machen vieles erst möglich.«

Jirka Niklas Menke
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