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Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

»Islam ist nicht gleich Islam«

Ist der Islam eine Integrationsbremse? Nicht zwangsläufig, meint der Kieler Islam­wissenschaftler Professor Lutz Berger im unizeit-Interview.


Foto: iStockphoto

unizeit: Sie halten zum Thema Islam und Integrationsfähigkeit Vorträge für die Schleswig-Holsteinische Universitäts- Gesellschaft und wenden sich damit ausdrücklich ans breite Publikum. Sind Sie auf den Sarrazin-Zug aufgesprungen?
Berger: Überhaupt nicht. Der Vortrag beruht auf einem Beitrag, den ich schon im Sommersemester 2009 zur Ringvorlesung über Vielfalt und Zusammenhalt geleistet habe. Die Debatte über die Wirkung des Islam auf gesellschaftliche Integration wird bereits wesentlich länger geführt. Nur dass sie zwischenzeitlich immer wieder in der Versenkung verschwindet und neu hochkommt, wenn jemand wie Herr Sarrazin auf den Plan tritt.

Kann sich diese Religion aus islamwissenschaftlicher Sicht mit westlichen Denk- und Gesellschaftsstrukturen arrangieren?
Da gibt es keine simple Antwort. Islam kann sich auf Integration hinderlich auswirken, muss es aber nicht. Das hängt ganz davon ab, von welchem Islam wir reden, und damit verbunden häufig von der sozialen Schicht, der die Betreffenden angehören.

Unter welchen Bedingungen kann es schwierig werden mit der Integration?
Das ist dann der Fall, wenn wir es mit sehr konservativen und auf Abgrenzung zielenden Einstellungen zu tun haben. Das verstärkt dann die unter Minderheiten im Exil – auch beispielsweise bei Deutschen im Ausland – ohnedies vorhandene Tendenz zu Identitätswahrung, indem sie an traditionellen Bräuchen festhalten, die im Herkunftsland bereits hinterfragt werden.

Über solches Verhalten von deutschen Minderheiten im Ausland schmunzeln wir, während Kopftuch und erst recht Burka Befremden auslösen.
Kopftuch und Burka sind sowohl für ihre Befürworter wie für ihre Gegner sehr stark symbolisch aufgeladen. Das macht den Umgang damit so schwer. Sie stehen aus der Sicht ihrer Gegner – auch unter den liberalen Muslimen – für die Unterdrückung der Frau durch eine rückschrittliche Religion, während sie für ihre Befürworter nicht nur ein göttliches Gebot darstellen, sondern die Frau vor den angeblichen Gefahren einer sexuell freizügigen Gesellschaft schützen. Geschlechterrollen und Sexualität sind auch unter konservativen Christen die Fragen, bei denen sie die größten Schwierigkeiten mit der modernen Welt haben. Bei konservativen Katholiken oder Evangelikalen werden diese Haltungen aber nicht als ausgrenzend wahrgenommen, weil sie als Teil der deutschen Gesellschaft gelten und sozusagen von innen heraus argumentieren.

Lutz Berger ist Professor für Islamwissenschaft und lehrt seit Oktober 2007 in Kiel. Foto: pur.pur

Gibt es Gruppen von Muslimen, bei denen konservatives Denken besonders ausgeprägt ist?
Türkische Migranten kommen oft aus ländlichen Regionen, sind wenig gebildet und gehören den unteren sozialen Schichten an. All das sind klassische Voraussetzungen für enges religiöses Denken. Anders verhält es sich mit Muslimen aus dem Iran. Die sind typischerweise gut ausgebildet und ja gerade deshalb hier, weil sie nicht mit den starren religiösen Konventionen des Regimes in ihrer Heimat zurechtkommen. Islam ist eben nicht gleich Islam.

Aber schwindet nicht die Distanz zur Mehrheitsgesellschaft in der zweiten oder dritten Generation auch bei den konservativen Gruppen?
Gerade Jugendliche haben ein starkes Bedürfnis nach Identität und Zugehörigkeit. Wenn sie meinen, keine Zukunftsperspektive zu haben, ist es für sie attraktiv, ihr eigenes Scheitern dadurch zu kompensieren, dass sie sich wenigstens moralisch überlegen fühlen können. Solchen Jugendlichen machen abgrenzende Formen von Islam ein ideales Angebot. Eine derartige Selbstausgrenzung erschwert dann wiederum nicht selten den gesellschaftlichen Aufstieg. Ähnlich wirken sich bei vielen männlichen Jugendlichen aus Migrantenfamilien die Bilderwelten des Hip-Hop und Gangsta-Rap aus. Die haben mit Islam überhaupt nichts zu tun, sondern sind Teil der modernen westlichen Kultur.

Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, dass der Islam eine Religion ist, die das Wort Toleranz nicht kennt. Der im Sommer verstorbene ägyptische Rechtsgelehrte Abu Said wurde zwangsgeschieden und musste ins niederländische Exil, nur weil er die Meinung vertrat, dass der Koran zwar göttlichen Ursprungs sei, aber auch aus seiner Entstehungszeit heraus verstanden werden müsse. Spricht so etwas nicht für die These, dass der Islam die Aufklärung versäumt hat?
Da ist etwas dran. Wichtig ist aber erst einmal, dass die Aufklärung in Europa nicht damit erklärt werden kann, dass Europa christlich ist und das Fehlen von Aufklärung in der islamischen Welt allein am Islam liegt. Aufklärung war in Europa ein komplizierter gesellschaftlicher Prozess, der sich vielfach gegen den Widerstand der Kirchen durchgesetzt hat. Die katholische Kirche hat noch im 19. Jahrhundert Demokratie und Religionsfreiheit ausdrücklich als unchristlich verurteilt. Vom Ursprung her sind sich Islam und Christentum dabei sehr ähnlich. Es handelt sich hier wie dort um Erlösungsreligionen mit einem Ausschließlichkeitsanspruch. »Niemand kommt zum Vater denn durch mich«, heißt das in der Bibel. Aber es ist richtig, dass, weil aus den unterschiedlichsten Gründen der Prozess der Aufklärung die islamische Welt nicht in gleicher Weise erfasst hat, Muslime stärker an solchen Ideen festhalten als liberale Christen in Westeuropa. Wenn evangelikale Prediger sagen, dass Andersgläubige in der Hölle landen, ist das vielen Christen hier eher peinlich.

Wie viele der ungefähr vier Millionen Muslime in Deutschland hängen konservativ-abgrenzenden Vorstellungen des Islam an?
Den Zahlen, die es dazu gibt, traue ich nicht recht, weil es ganz stark davon abhängt, wie man fragt. Aber ich würde schätzen, dass wir es mit 20 bis 30 Prozent zu tun haben. Aber noch einmal: Das Problem mangelnder Integration muslimischer Migranten allein am Islam festzumachen, wäre falsch.

Das Interview führte Martin Geist

Lutz Berger: Ist der Islam eine Integrationsbremse? 26. Oktober, 19:30 Uhr; Großhansdorf, Studio 203 im Schulzentrum, Sieker Landstraße 203
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