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Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Sicher überwacht

Sie ist einmalig in Europa, weltweit gibt es nur zwei solcher Einrichtungen: Die Katastrophenforschungsstelle an der Kieler Uni ergründet, wie Katastrophen entstehen und wie Menschen sich davor schützen.


»Katastrophen werden von Menschen gemacht«, sagt Dr. Martin Voss, seit 2008 Leiter der Forschungsstelle am Institut für Sozialwissenschaften. Gegründet 1987 von Professor Lars Clausen (†2010), befasst sie sich mit den Folgen von Erdbeben oder Sturmfluten ebenso wie mit Terroranschlägen und Reaktorunfällen. Seit dem 11. September 2001 häufen sich die Anfragen. »Die Einstellung hat sich seitdem stark verändert«, erklärt Voss. »In den USA werden neue Sicherheitsvorschriften entwickelt, die Europa übernimmt. Dabei müssten wir erst einmal schauen, was Sicherheit überhaupt ist.«

Dazu starten an der Katastrophenforschungsstelle gerade zwei neue Projekte im Auftrag des Bundesforschungsministeriums. Eines befasst sich mit den Kontrollen am Hamburger Hamburger Flughafen, das andere zielt auf ein Sicherheitsbarometer für Deutschland. Beide bewegen sich in einem Spannungsfeld, das Martin Voss seit seinem Studium bei Clausen fasziniert. »Wir wünschen uns Sicherheit und Freiheit zugleich«, sagt Voss. »Der Staat muss beides garantieren.« Aus diesem Widerspruch erkläre sich, warum die Frage nach Sicherheit immer wieder neu gestellt und beantwortet werden müsse.

»Es ist klar, dass ein Flughafen geschützt werden muss. Aber wird er damit auch zum Versuchslabor für Überwachung?«, fragt sich Martin Voss. »Es ist doch interessant, dass das Wort "Nacktscanner" inzwischen oft durch Terahertzscanner ersetzt wird – dadurch bekommt das Verfahren eine eher technische Konnotation.« Dabei entwickle die Technik eine Eigenlogik: »Was am Markt ist, wird auch eingesetzt.« Doch während Bürger sich gegen staatliche Überwachung wehren, geben sie zugleich immer mehr im Internet von sich preis. »So werden sie berechenbarer, für den Staat, für die Werbung – und für das organisierte Verbrechen«, sagt Voss.

Dass die Sicherheit eines Flughafens in menschlicher Hand liegt, leuchtet ein. Aber was erforschen Soziologen an Überschwemmungen und Hurrikanen? »Wir untersuchen, wieso sich Menschen in Gefahr begeben und sich nicht adäquat schützen – und wie sie schließlich mit einem katastrophalen Ereignis umgehen«, erklärt Voss. »Wie reagieren die Betroffenen, was tun die Behörden, wie funktionieren die Hilfseinsätze, wie läuft der Wiederaufbau?« Diese Dinge seien entscheidend dafür, ob bei einem Naturereignis 5000 oder 5 Millionen Menschen ihre Existenz verlieren. »Die Regenmengen in Pakistan waren vielleicht extrem – aber hätten die Menschen dort die gleichen Möglichkeiten wie wir, dann wären die Überschwemmungen nicht schlimmer als ein Elbhochwasser.« Damit bekommt die Katastrophenforschung einen globalen Aspekt, der Martin Voss besonders am Herzen liegt. »Am liebsten würde ich diese ganze Komplexität aus Ökonomie, Politik und Moral einmal an einem Beispiel in aller Ruhe untersuchen. Daraus könnte man endlos viel lernen.«

Eva-Maria Karpf
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