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Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Plattgemacht

Im Märzen und erst recht zur Ernte im Herbst rückt der Bauer mit tonnenschwerem Gerät auf seine Äcker aus. Das hat gravierende Folgen für die Bodenbeschaffenheit.


Foto: iStockphoto

Wenn er an die schweren Gerätschaften denkt, mit denen viele Felder in der nun anstehenden Zuckerrübenernte traktiert werden, ist Professor Rainer Horn alles andere als süßlich zumute. »Ein stabiler Boden kann auch große Lasten ertragen, solange seine Eigenstabilität nur hoch genug ist und das Porensystem erhalten bleibt«, sagt der Direktor des Instituts für Pflanzenernährung und Boden­kunde.

Gerade mit der Stabilität ist es nach dem Ende des Sommers aber meist nicht weit her. Regen weicht den Boden auf und macht ihn empfindlicher gegenüber mechanischen Belastungen durch Erntemaschinen. Die Räder der modernen landwirtschaftlichen Fahrzeuge pressen sich häufig bis in den Unterboden hinein, kneten ihn richtiggehend durch und verursachen gewaltige Schäden. Die Poren, die Wasser und den für die Nährstoffaufnahme der Pflanzen unentbehrlichen Sauerstoff leiten, werden plattgedrückt und erholen sich nach Messungen der Kieler Wissenschaftler zu mehr als 90 Prozent nie wieder, wenn die Eigenstabilität genannte Belastungsgrenze überschritten wurde.

Dieses Problem verschärft sich, weil sich zahlreiche Landwirte Maschinenringen angeschlossen haben, deren Gerätschaften vorrangig auf Effektivität getrimmt sind. Immer mehr Arbeit muss in immer kürzerer Zeit von immer schwereren Maschinen verrichtet werden – und das auch bei ungünstigen Witterungsbedingungen. »Da regiert die pure Ökonomie«, klagt Horn, nach dessen Angaben es moderne Mähdrescher heutzutage inklusive der geladenen Ernte durchaus auf ein Gewicht von 30 Tonnen bringen, so dass die pro Rad übertragene Last meist um ein Vielfaches über der Eigenfestigkeit der Böden liegt. Bei voll beladenen Rübenrodern sind sogar bis zu 60 Tonnen Gesamtgewicht möglich.

Wie sich das auswirkt, haben die Experten der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen Fakultät mit Versuchen anhand einer fast schon bescheiden anmutenden Belastung von 35 Tonnen ermittelt. In etwa 35 Zentimeter Tiefe begann als Ergebnis der bis dahin eingesetzten leichteren Landmaschinen die sogenannte Pflugsohle, die sich bis in 45 cm Tiefe erstreckte. Das erstmalige Befahren mit dem Rübenroder führte zu einem Durchbrechen der noch tragenden Pflugsohle, und das darunter liegende Porensystem wurde bis auf 80 Zentimeter hinab zerstört. Das Wasser versickert in diesem Bereich nicht mehr vertikal, sondern läuft entlang der verdichteten Sohle horizontal ab, wenn der Acker auch nur leicht geneigt ist. Ansonsten bleibt das Wasser im Boden stehen und unterbindet den Gasfluss und folglich auch den Austausch mit der Atmosphäre. Zudem verliert der Boden die Speicherfähigkeit für Wasser bis hinab in große Tiefen, und auch die Nährstoffe werden von den Wurzeln nur noch sehr eingeschränkt erreicht.

Dass die Bauern im Sommer dieses Jahres über Ertragseinbußen klagten, lag Horns Überzeugung nach nicht primär an hitzebedingtem Wassermangel. Vielmehr konnten die Wurzeln der Pflanzen das unterhalb der Pflugsohle im Boden gespeicherte Wasser einfach nicht erreichen.

Nach dem Urteil des Kieler Bodenschutzexperten vermochte bisher kein einziger technischer Trick Abhilfe zu schaffen. Den Boden einfach wieder umzupflügen bringt laut Horn nichts, weil die weiter eingesetzten schweren Maschinen anschließend den weicheren Boden nur noch tiefer komprimieren und das Problem eher noch verschärfen würden. Auch der Versuch, den Druck der Räder über Ketten großflächiger zu verteilen, brachte keine Abhilfe.

Ebenfalls wenig Verlass ist auf natürliche Helfer. In den mit schwerem Hochleistungsgerät Hochleistungsgerät beackerten Böden fühlen sich offenbar auch die Regenwürmer unwohl, auf einem Quadratmeter finden sich gerade mal fünf bis zehn davon. Werden die Äcker konservierend, also mit weniger wuchtigem und entsprechend bodenschonendem Gerät bearbeitet, tummeln sich auf derselben Fläche schon 50 bis 100 Regenwürmer. Und auf Bio-Feldern können es sogar bis zu 300 sein.

Weil die Landwirte zunehmend große Flächen bearbeiten, hält der Trend zur schweren Technik trotzdem ungebremst an. Doch das, so gibt Rainer Horn zu bedenken, beginnt bereits jetzt auch ökonomisch nach hinten loszugehen. Trotz besserer Sorten, wirksamerer Düngung, höherer Temperaturen und gestiegener CO2-Konzentrationen in der Luft steigen auf den Hektar bezogen die Weizenerträge in Schleswig-Holstein kaum noch und in Bayern seit 1995 sogar überhaupt nicht mehr. Möglich sein müssten nach Schätzung von Kieler Pflanzenkundlern 15 Tonnen pro Hektar, tatsächlich werden aber selbst in besten Jahren noch nicht einmal zehn Tonnen eingefahren.

Zurück zum Pferd kann indes keine Lösung sein. Professor Horn plädiert aber für leichtere, intelligentere Erntemaschinen, die schon jetzt gute und vor allem auf Dauer verlässliche Ernten bringen könnten.

Martin Geist
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