CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 62Seite 4
Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Hoch hinaus

Wissenschaftliche Karrieren folgen ungeschriebenen Gesetzen. Wer sich nach ihnen richtet, kommt schneller ans Ziel.


Christiane Gross Foto: privat

Ob es bei Berufungen gerecht zugeht, ob wirklich die besten und auf die ausgeschriebene Stelle optimal passenden Kandidaten den Ruf erhalten, lässt sich schwer sagen. Denn Leistung lässt sich nicht so einfach objektiv messen. »Natürlich kann man die Menge an eingeworbenen Drittmitteln als Leistungskriterium heranziehen oder die Anzahl der Publikationen«, erklärt Dr. Christiane Gross vom Institut für Sozial­wissenschaften. »Aber wie soll man ein 600-Seiten-Buch gewichten gegen sechs Aufsätze? Und was ist mit Fächern wie Jura, in denen Drittmittelforschung sehr unüblich ist?«

Für ihre mit dem Fakultätspreis ausgezeichnete Doktorarbeit hat Gross zusammen mit Soziologie-Professorin Monika Jungbauer-Gans den Forschungsstand zu den Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Karrieren analysiert. Dabei hat sie gezielt auch nach den Einflüssen von Institutionen geforscht. Denn Leistung ist zwar wichtig, aber nicht überall sind die Bedingungen ideal, um optimale Leistungen zu erbringen. »So kann es sein, dass exzellente Personen an randständigen Universitäten keine exzellente Forschung betreiben können, weil die "Studierendenbelastung" sehr groß oder die Ausstattung nicht gut ist«, so die Soziologin. Und auch persönliche Merkmale sind mitentscheidend für die weitere Laufbahn an der Hochschule. Habilitierte Frauen haben zwar genauso gute Chancen berufen zu werden wie habilitierte Männer. Nur habilitieren weitaus weniger Frauen als Männer, und auch Personen mit einem bildungsfernen Elternhaus sind in wissenschaftlichen Spitzenpositionen unterrepräsentiert.

Eine große Rolle auf dem Weg nach oben spielen soziale Netzwerke sowie das Ansehen von Mentoren und Institutionen. Soziale Netzwerke werden oft als »Klüngel« abgestempelt. Das greift jedoch zu kurz, meint Gross »Natürlich kann man sagen, je nachdem, wer wen kennt, ist es vielleicht einfacher in bestimmten Organen zu publizieren. Oder man bekommt die entscheidenden Kontakte, die einem den Weg in ein Institut ebnen, das die Rahmenbedingungen für Forschung überhaupt erst bietet.« Andererseits könne man die Beziehungen zu anderen Personen auch einfach als legitimen Forschungsverband ansehen. Soziale Netzwerke sind die Voraussetzung für die Beteiligung an größeren Forschungskooperationen in immer wichtiger werdenden interdisziplinären Forschungsclustern.

Ebenfalls sehr wichtig im Hinblick auf die Laufbahn und die persönliche wissenschaftliche Leistung sind Mentoren. »Wobei man natürlich sagen muss, dass gute Mentoren guten Nachwuchs bevorzugen«, so Gross. Wenn allerdings die Schüler-Lehrer-Beziehung eher auf Ausbeutung beruhe als auf Förderung, wirke sich das negativ aus.

Die Promotion war übrigens nur der Anfang eines größeren Projektes. Für einen Teilbereich ihrer Habilitation hat Gross über 700 Personen befragt, die zwischen 1985 und 2005 in den Fächern Soziologie, Mathematik und Rechtswissenschaften habilitiert wurden, knapp die Hälfte hat geantwortet. Auf der Basis dieser Erhebung sollen die individuellen Faktoren identifiziert werden, die für die Karriere wichtig sind. Außerdem sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Disziplinen herausgearbeitet werden.

Eine Empfehlung für den wissenschaftlichen Nachwuchs hat sie aber schon jetzt: »Sie sollten sich klar werden, nach welchen Kriterien in ihrer Disziplin Leistung bemessen wird, welche Form der Publikation höher bewertet wird, wer die wichtigen Akteure in ihrem Forschungsfeld sind und wie die Verbindungen im sozialen Netzwerk verlaufen.« Mit diesem Wissen im Hinterkopf steigen die Karrierechancen an der Hochschule.

Kerstin Nees
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de