CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 62Seite 5
Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Schmerz, lass nicht nach

Herbstabende und romantische Geschichten gehören zusammen wie Romeo und Julia. Doch warum entfliehen wir dem grauen Alltag auch noch in ein Drama?


Popkorngeruch liegt in der Luft. In weichen Sesseln, umhüllt von Orchestertönen, sitzen zahllose Zuschauer gebannt vor der Leinwand. Mit zitternder Stimme ruft die Heldin nach ihrem Liebsten. Als das Paar sich im eisigen Wasser des Atlantiks findet, bleibt nur wenig Zeit, bevor der Tod sie für immer trennt.

Es sind Szenen wie diese in »Titanic«, die das Publikum dahinschmelzen lassen. Ein ungleiches Paar, das trotz des sicheren Untergangs gemeinsam alt werden wird – eine Erwartung, die sich nicht erfüllt. »Genau deshalb muss die Titanic untergehen«, erklärt der Literaturwissenschaftler Professor Albert Meier. »Auch wenn wir wissen, dass am Ende des Films das Unglück steht, hoffen wir auf ein gutes Ende für das Liebespaar. Indem diese Hoffnungen zerstört werden, wirkt die Spannung des Films nach. Die eigenen Erwartungen werden enttäuscht und regen die Fantasie des Zuschauers an.«

Dieses Spiel mit Erwartungen hat laut Meier seinen Ursprung in der Romantischen Ironie. Das ist eine ästhetische Strategie, die mit dem Beginn der Romantik im 18. Jahrhundert Einzug in die Literatur hielt. Bis heute wird sie in Erzählungen eingesetzt, um die Erwartungen des Lesers oder Zuschauers, zum Beispiel über das Schicksal eines Liebespaares, zu brechen und damit Spannung aufzubauen. Romantische Ironie muss allerdings nicht immer den Tod einer Hauptfigur zur Folge haben. Vielmehr sollen festgefahrene Vorstellungen überwunden werden. Meier: »Das heißt, nicht der Frosch wird zum Prinzen, sondern die Prinzessin zum Oger (eine hässliche Märchenfigur aus dem Film "Shrek"). Überraschungen wie diese machen den Unterschied zwischen banaler Liebesgeschichte und komplexer Handlung aus«, so Meier weiter.

Frei nach dem Motto »je verworrener, desto interessanter« lassen sich die Zuschauer also in den Bann einer fiktiven Geschichte ziehen. »Ein glattes Happy End an sich ist deshalb nichts Romantisches. Romantische Kunst will auch keine schöne Kunst sein, sondern Sehnsucht wecken. Sie läuft darauf hinaus, dass man am Schluss nicht zufrieden ist.« Warum wir so etwas mögen, kann auch der Literaturwissenschaftler nicht eindeutig sagen.

Die geschützte Umgebung des Kinosaals oder zu Hause bietet die Sicherheit, dass man seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. »Natürlich ist es nicht schön, wenn ein Mensch weinen muss. Aber wenn man im Kino sitzt, dann ist es unschädlich und sogar erholsam«, so Meier. Ähnlich wie im Traum kann der Mensch in der unrealen Welt der Bücher und Filme seine Gefühle pflegen und sich dem eigentlich schmerzvollen Empfinden der Sehnsucht öffnen.

Emotionspsychologe Professor Christian Kaernbach beschreibt diese Reaktionen als einen Prozess des Zulassens, den er auch an seinen Probanden festgestellt hat: »Wir untersuchen die Wirkung von Bildern und Filmszenen auf den Menschen. Dabei messen wir Reaktionen wie Gänsehaut oder Veränderungen der Atemfrequenz und des Herzschlags. Es hat sich gezeigt, dass sich die Probanden umso mehr auf die Situation einlassen und sensibler auf die Bilder reagieren, je länger sie den emotionalen Reizen ausgesetzt waren.«

Einen bestimmten Grund, warum der Mensch durch häufig realitätsferne Geschichten sogar zu Tränen gerührt werden kann, gibt es allerdings nicht. Hier spielen zum Beispiel ureigene Reflexe des Menschen eine Rolle. Kaernbach: »Sobald ein Baby die Nähe zur Mutter verliert, fängt es an zu schreien. Dieser Trennungsruf löst bei den Eltern starke Gefühle aus. Es ist ein Reflex, der tief in uns verankert ist und eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass wir heute auf sozialen Verlust – egal ob überwundene oder entstandene Trennung – manchmal mit Gänsehaut reagieren.« Auch die sogenannten Spiegelneuronen sind nicht unbeteiligt an den emotionalen Reaktionen des Menschen. Ob wir wollen oder nicht – sie spiegeln die wahrgenommenen Empfindungen und lassen uns das Gleiche spüren.

Claudia Eulitz
Ironie und Ironie
Ironie ist, wenn das Gegenteil vom Gesagten gemeint ist. Das heißt, man freut sich über schönes Wetter, während draußen ein Unwetter herrscht. Der Sprecher täuscht Freude vor – gleichzeitig betont er seine Worte so, dass er den Zuhörer von der versuchten Täuschung wissen lässt.

Die ästhetische Strategie der Romantischen Ironie bedient sich ebenfalls der Täuschung, indem sie sich unsere Erwartungen zu Nutze macht. Im Gegensatz zur einfachen Ironie behält sie aber ihre Täuschungsabsichten für sich. Typische Erwartungen sind beispielsweise, dass Liebende ein Happy End erleben oder der Held die Angebetete vor Gefahr rettet. Zu Beginn einer Geschichte sieht häufig auch alles danach aus. Doch je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr verändert die Romantische Ironie den typischen Verlauf der Geschichte und überrascht Leser und Zuschauer mit unerwarteten Wendungen. (cle)
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de