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Nr. 62, 23.10.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Erwin Rohde

Der Altphilologe war ein früher Freund Nietzsches und ein lebenslanger Verfechter des aufrechten Gangs.


Wahrgenommen wird Erwin Rohde (1845–1898) weitgehend als Gelehrter aus Bonn. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit über dieses von großer Unstetigkeit geprägte Wissenschaftlerleben. Tatsächlich studierte Rohde 1865 in Bonn, wo er den ein Jahr älteren Friedrich Nietzsche kennenlernte und zum Freund gewann. Menschlich wie fachlich verstanden sich die beiden jungen Altphilologen ausgezeichnet, vom Talent her galten sie geradezu als Lichtgestalten. »Man glaubt es gern, dass sie von den Genossen wie zwei junge Götter angestaunt wurden«, heißt es in der Rohde-Biografie von Otto Crusius.

Ins Visier der Fachwelt rückte das Duo einige Jahre später unter weit weniger erfreulichen Aspekten. Nietzsche, zu jener Zeit bereits ordentlicher Professor, brachte 1872 sein Buch über »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« heraus und eckte praktisch in der gesamten Fachwelt an. Als »Kunstmysterienreligionsschwärmerei « tat selbst Nietzsches Förderer Friedrich Ritschl das Werk ab. Erwin Rohde zeigte als einer der ganz Wenigen öffentlich Courage und verteidigte das Buch mit einer Gegenschrift. Dass er seiner Laufbahn damit keinen Gefallen tat, war ihm völlig klar. Bereits im Herbst 1869 war der gebürtige Hamburger an die Universität Kiel gekommen, die ihn im Herbst 1872 zum Professor machte. »Freudigsten Widerhall« brachte ihm laut Crusius seine Verteidigungsschrift zwar beim berühmten Nietzsche-Freund Richard Wagner ein, über die Wirkung im Kollegenkreis machte Rohde sich aber keine Illusionen. »Ich wusste und weiß genau, dass der einzige Erfolg der sein wird, dass auch ich in das schwarze Buch eingetragen werde, wo die heillos Verrückten stehen«, räumte er ein und fügte hinzu, »dass meiner "Karriere" selbst ein Feind kein schlimmeres Hemmnis bereiten kann.«

Unrecht schien der Philologe, der sich später im Übrigen mit Nietzsche entzweit hatte, damit nicht zu haben. In Kiel kam er trotz seiner unbestrittenen Fähigkeiten beruflich nicht wirklich voran. Also nahm er 1876 einen Ruf nach Leipzig an, verließ die Christian- Albrechts-Universität aber trotzdem ohne jeden Groll. Das dürfte auch damit zu erklären sein, dass Rohde an der Förde über seinen Beitrag zum Streit um die »Geburt der Tragödie« hinaus Entscheidendes leistete. Das Buch »Der griechische Roman und seine Vorläufer« (1876) gilt neben dem zweibändigen Werk »Psyche, Seelencult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen« (1890–1894) als Rohdes wichtigstes wissenschaftliches Vermächtnis.

Zurückzuführen ist das nach Einschätzung von Professor Lutz Käppel, der heute in der Nachfolge Rohdes in Kiel lehrt, auf seine Rolle als einer der Wegbereiter einer modernen Altphilologie. Nicht mehr allein die Arbeit streng am Text war für Rohde ausschlaggebend, sondern ebenso eine kultur- und religionswissenschaftliche Sichtweise. Die Altphilologie erweiterte sich so zu einem Fach, das sich tiefgreifend mit den Denk- und Lebensweisen in der Antike auseinandersetzte. Erwin Rohde darf deshalb nach Einschätzung von Professor Käppel getrost als ein »Vorläufer der modernen Kulturwissenschaften« bezeichnet werden.

Martin Geist
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