Friede, Freude, Familienfrust
An Weihnachten ist Familie absolut angesagt. Und auch sonst ist es besser um diese Lebensform bestellt, als zuweilen geunkt wird.

Familie ist, wenn schiefe Töne die Harmonie nicht stören. Foto: Picture Alliance
Abgerissen sind solche Bestandsaufnahmen bis heute nicht, und dennoch gibt es die Familie immer noch. »Wie kommt es dazu?«, fragt sich der Pädagoge Professor Wilhelm Brinkmann und mutmaßt, dass das Modell Familie so ausrangiert gar nicht sein kann. Egal ob die Gesellschaften in Stämmen oder Ständen, als Monarchien, Diktaturen oder Demokratien organisiert waren, stets trotzte die Familie den Zeitläuften und bildete eine eigene kleine Welt, die mit den Aufgeregtheiten um sie herum nur am Rande etwas zu tun zu haben schien.
Das lässt für Professor Brinkmann nur einen Schluss zu: »Die Familie kann sich außerordentlich flexibel gesellschaftlichen Veränderungen anpassen und vielerlei Funktionen erfüllen.« Solche Eigenschaften jedoch definieren so ziemlich das Gegenteil von Existenzgefährdung. Sie erklären vielmehr, warum die Familie bisher noch jeden Abgesang überlebt hat.
Das erscheint durchaus überraschend, denn was ihre objektive Bedeutung betrifft, hatte die Familie in früheren Epochen zweifellos einen weitaus höheren Stellenwert: Pflege der Alten und Kranken, Betreuung der Kinder, Produktion von Nahrungsmitteln, Anfertigung von Kleidung oder Schlichtung von Streitigkeiten – das gehörte einst zu den Kernkompetenzen der Familie.
»Vieles davon ist heute sozusagen outgesourced worden«, sagt Wilhelm Brinkmann und betont, dass sich dieser Bedeutungsverlust selbst auf das ureigene Terrain der Kindererziehung bezieht. Gerade noch 1,34 Sprösslinge pro Paar bedeuten faktisch, dass in mehr Häusern denn je überhaupt kein Nachwuchs mehr vorzufinden ist. Und zugleich bietet Familie heutzutage eine Formenvielfalt, die noch nie dagewesen ist. Die Großfamilie, die Kleinfamilie, unverheiratete Paare mit Kindern, Patchwork-Familien, gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, in denen Kinder groß werden: All das existiert gleichsam als immer wiederkehrender Beweis der Brinkmannschen These von der Wandlungsfähigkeit.
Den alten Zeiten nachzutrauern wäre vergeudete Energie, findet der Kieler Pädagoge: »Die Zeiten waren früher nicht besser oder schlechter, sie waren anders.« Gut beraten ist nach seiner Einschätzung aber, wer die Chancen der heutigen Zeit wahrnimmt.
Dass die Familie kleiner und kinderärmer wird, birgt beispielsweise die Möglichkeit, einander mehr Zuwendung zu schenken. Das wiederum erfordert allerdings Bereitschaft, Zeit und Energie aufzuwenden. »Eine lebenswerte Familie fällt nicht vom Himmel«, betont Brinkmann und fordert dazu auf, Rituale nicht als alte Zöpfe, sondern als Beziehungskitt im besten Sinne zu begreifen. Gemeinsame Essen, die Würdigung guter schulischer Leistungen, das Feiern von Geburtstagen und vieles mehr kann nach seiner Überzeugung dazu beitragen, dass Familie weiterhin jener Ort des Aufgehobenseins und der Geborgenheit ist, nach dem sich alle sehnen, die alleine leben.
Ganz gewiss dazu gehört – mit allen Risiken und Nebenwirkungen – auch das Weihnachtsfest. Damit dabei nicht die Fetzen fliegen, sondern sich allenthalben traute Besinnlichkeit ausbreiten kann, hat Pädagoge Brinkmann vor allem einen Rat parat: »Die Erwartungen nicht zu hoch hängen und ganz gelassen mit den Feiertagen umgehen.«
Martin Geist
Wilhelm Brinkmann: Familienbande. Anmerkungen zur Unverwüstlichkeit einer Lebensform. 14. Dezember, 20 Uhr, Landfrauenschule Hanerau-Hademarschen, Mannhardtstraße 3
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität
► presse@uv.uni-kiel.de






