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Nr. 63, 11.12.2010  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Schreib widu sprichsd

So mancher Feingeist schüttelt sich angesichts der Schriftsprache, in der die Jugend von heute mailt, chattet und simst. Germanist Professor Jörg Kilian ist ganz gelassen.


Früher war der Brief praktisch das einzige Medium zur Kommunikation mit geschriebener Sprache. Bis ein Schreiben verfasst war, vergingen bisweilen Stunden, dann Tage oder gar Wochen, ehe es seinen Adressaten erreicht hatte. Und schließlich dauerte es noch einmal genauso lange, bis der Verfasser eine Antwort erhielt. »E-Mail, Chat und SMS ermöglichen dagegen dialogische Kommunikation fast in Echtzeit«, definiert Professor Kilian den Unterschied.

Die Folge ist, dass Schriftsprache völlig anderen Anforderungen genügen muss. Während zu Großmutters Jugendzeiten jede missverständliche Formulierung im Raum beziehungsweise auf dem Papier stand, ohne dass sie sich innerhalb vertretbarer Zeit aufklären ließ, genügt heute ein hastig auf die Tastatur geklappertes »Hä?«, um sekundenschnell Aufklärung zu erhalten.

Insofern ist das geschriebene Wort flüchtiger geworden, vor allem aber hat es sich laut Kilian ganz neue Bereiche erschlossen. »Immer noch folgen die geschriebene Standardsprache und Fachsprache, und erst recht die Amts- und Rechtssprache Normen, die für die öffentliche, Zeit und Raum überwindende Kommunikation festgelegt wurden und allgemein nachvollziehbar sind«, betont der Wissenschaftler. Gechattet und gesimst werde dagegen ganz überwiegend im privaten Rahmen: Mit persönlichen Bekannten oder zumindest innerhalb von Netzwerken, die sich über einen gemeinsamen Status etwa als Schüler oder zumindest gemeinsame Interessen vom Schachspielen bis zum Autoschrauben definieren. Dass in diesen auf die eine oder andere Art vertraulichen Zusammenhängen formvollendete Anreden, Groß- und Kleinschreibung und ebenso die Vorgaben des Duden gern auf der Strecke bleiben, findet Kilian nicht weiter tragisch: »Je nach Situation reden wir ja auch in unterschiedlichen Sprachvarianten und das bestimmt nicht immer so, wie es in der Tagesschau zu hören ist.«

Bestärkt sieht er sich durch Erfahrungen mit seinem eigenen E-Mail-Postfach. Keineswegs wimmelt es darin von Flapsigkeiten wie »Hi, Herr Professor« oder »Ciao«, sondern die Studierenden wahren sprachlich wie orthografisch nach wie vor die korrekte Form.

Wissenschaftlich ist die Chat-Sprache obendrein eine wahre Fundgrube. »Omas Motto "Schreib wie Du sprichst" wird hier auf ganz innovative Weise umgesetzt«, erläutert Kilian und denkt dabei an so manches beherzte »Gäähhn«, wenn jemand ein Thema besonders langweilig findet. Auch hochkomplexe Regeln der geschriebenen Sprache werden nach Einschätzung des Wissenschaftlers oft und meist völlig intuitiv bemerkenswert korrekt angewandt.

»Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation«, klagte zwar vor fast zweieinhalb Jahrtausenden der Philosoph Aristoteles, doch im Jahre 2010 bleibt Germanist Kilian ganz ruhig und plädiert dafür, sich die sprachlichen Sperenzchen der Jugend von heute »mit forschender, neugieriger Gelassenheit anzuschauen«. Und sich vielleicht sogar darüber zu freuen, dass noch nie in der Menschheitsgeschichte so viel schriftlich kommuniziert worden ist wie heute.

Martin Geist
Kultivierte Chats
»Isch muss noch uffem Sörfa gugge« heißt der Titel eines Aufsatzes, in dem Professor Jörg Kilian vom Germanistischen Seminar anhand des im Raum um Pforzheim gesprochenen kurpfälzischen Dialekts beschreibt, wie in Internet-Chats die Regionalsprache kultiviert wird. Immer wieder kommt es dabei zu spannenden Fachdiskussionen über korrekte Schreibweisen. Wenn der Hesse sagt »Isch hab net so viel Zeit«, soll er dann »ned« oder »nett« oder »net« schreiben? Die Varianten eins und drei scheinen sich durchzusetzen, doch feste Regeln gibt es nicht (beziehungsweise »ned«) und sind von den Chattenden meist auch nicht gewollt.

»Haste nichts, dann machste halt was«, darf dagegen der norddeutsche Internet-User schriftlich unwidersprochen behaupten. Inhaltlich mag so mancher Chat-Teilnehmer sein Unbehagen darüber mit einem *grmpf* zum Ausdruck bringen oder mit dem Wörtchen »mom« nicht nach der Mama verlangen, sondern sich einen Moment Bedenkpause erbitten. Wohl möglich aber, dass all das ziemlich langweilig und es überhaupt schon arg spät geworden ist. Dann eben ein freundliches »Gute N8«. (mag)
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