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unizeit Nr. 63 vom 11.12.2010, Seite 8  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Was wir alleine nicht schaffen ...

Ist es möglich, als Individuum wirklich nachhaltig zu leben? Nur bedingt, meint Professor Gernot Klepper vom Institut für Weltwirtschaft. Der Volkswirt beurteilt den Wert guter Vorsätze unter globalen Bedingungen.


Foto: Picture Alliance

unizeit: Wenn ich das Jahr über nur so viele Äpfel esse, wie ich von den Bäumen meines Gartens geerntet habe, lebe ich Nachhaltigkeit in Reinkultur. Taugt das als Modell für andere Lebensbereiche?
Klepper: Ich fürchte nein. Echt autark leben kann kein Mensch. Noch nicht mal auf dem Land. Es sei denn, er wäre bereit, sich auf Steinzeitniveau zurückzukatapultieren. Selbst die strammsten Aussteiger nutzen heutzutage das Internet. Und wer die Scholle bearbeitet, von der er leben will, nutzt dazu in aller Regel Geräte, die jemand anderes hergestellt hat.

Das wäre ja zu verschmerzen, sofern der Spaten umwelt- und rohstoffschonend hergestellt ist.
Wohl wahr, aber das Problem ist der Verlust an Kontrolle. Noch einigermaßen beruhigt können wir sein, wenn wir unsere Kartoffeln beim Biobauern im nächsten Dorf holen. Bei einer Kaffeemaschine wird das schon schwieriger, und ganz schwierig gestaltet sich die Sache bei Textilien. Ein großer Teil unserer Konsumgüter wird über die ganze Welt verteilt produziert. Da kann kaum einer noch wissen, wie nachhaltig ein Produkt tatsächlich ist.

Zumindest der aufgeklärte Mittelstandsmensch neigt ja dazu, bio zu essen und seine Socken in Ökowaschmaschinen zu stecken. Ist das auf der individuellen Ebene sinnvoll?
Selbst darüber lässt sich streiten. Es ist sicher nichts dagegen zu sagen, wenn jemand Biolebensmittel kauft und versucht, im Haushalt möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen. Andererseits werden auf der Erde bald nicht mehr wie jetzt knapp sieben, sondern neun Milliarden Menschen leben. Sie alle mit Bionahrung zu versorgen, wäre absolut illusorisch. Insofern ist die Biolandwirtschaft als solche nicht nachhaltig. Tatsächlich kommt es in mancherlei Hinsicht nicht auf Qualität, sondern schlicht auf Quantität an. Nur einen geringen Teil des Eiweißes und der Kalorien, die wir an unser Schlachtvieh verfüttern, erhalten wir durch das Fleisch, das wir essen, wieder zurück. Wer sehr wenig oder gar kein Fleisch isst und ansonsten mit konventionellen Lebensmitteln kocht, verhält sich deshalb nachhaltiger als jemand, der in vollen Zügen bio lebt.

Ist trotzdem nicht jeder einigermaßen bewusste Konsum besser, als kritik- und gedankenlos Massenware zu verbrauchen?
Das kann man so sehen, doch besteht die Gefahr, die Realitäten zu verkennen. In den USA gibt es mittlerweile eine ganze Reihe so genannter »food deserts«. Das sind hauptsächlich Gebiete in Großstädten mit Zehntausenden von Einwohnern, die überwiegend sehr arm sind, kaum über eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr verfügen und erst recht kein Auto haben. In diesen Siedlungen gibt es weit und breit nichts Frisches zu kaufen. Den Leuten bleibt also gar nichts anderes übrig, als so zu konsumieren, wie sie konsumieren.

Auf der anderen Seite gibt es ja immer noch genug Regionen mit Wahlmöglichkeiten. Und wer die ökologisch und klimamäßig richtige Wahl trifft, tut doch zweifellos etwas Gutes.
So traurig es auch ist: Individuelles Verhalten hat keine globale Wirkung. Erst die große Summe von individuellen Entscheidungen macht den Unterschied. Wenn wir wirklich etwas für die Umwelt oder gegen die Erderwärmung tun wollen, brauchen wir globale Regeln, damit nicht ein paar Millionen, sondern Milliarden Menschen nachhaltig produzieren und konsumieren.

Wie optimistisch sind Sie, dass es zu solchen globalen Regeln kommt?
Ehrlich gesagt nicht sehr. Die Position Chinas oder der USA zur Klimaproblematik lässt nichts Gutes erwarten. Und wir kommen außerdem nicht darum herum, dass wir es mit einer ganzen Reihe aufstrebender Wirtschaftsnationen zu tun haben, deren Einwohner sich nicht von den Industrieländern vorschreiben lassen wollen, wie bescheiden sie zu leben haben.

Ermutigend klingt das nicht. Sollten wir also alle unsere nachhaltigen Bemühungen fallen lassen?
Immerhin ist festzustellen, dass Labels und Zertifizierungen zu Umwelt- und Klimaauswirkungen von Produkten stark zunehmen. Das zeigt, dass durchaus mehr Leute wissen wollen, was sie konsumieren. Auch zur Macht von Regulierungen gibt es ein paar positive Beispiele. Ich denke an die anfangs teils durchaus als unzulässiger Eingriff in die persönliche Freiheit kritisierte Pflicht zum Sicherheitsgurt. Inzwischen wissen wir, dass diese Pflicht jährlich Tausende von Todesfällen auf unseren Straßen verhindert. Kein Mensch ist deshalb noch ernsthaft dagegen. Das Zusammenspiel von staatlichen Regeln und individueller Einsicht bringt hoffentlich die Wende zur Nachhaltigkeit.

Das Interview führte Martin Geist
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