Liebesgaben
Die Literatur des Mittelalters steckt voller Liebesgeschichten. Mit teuren, symbolischen oder auch schmerzhaften Geschenken bezeugten die Liebenden ihre Zuneigung.

Ein süßes Hundebaby für die Liebste hat als Valentinstagsgeschenk eher Seltenheitswert. Und das ist vielleicht auch besser so. Im Mittelalter war es dagegen üblich, einen Hund als Zeichen der Liebe und Treue zu verschenken. Foto: iStockphoto
»Die Liebe spielt in der Literatur dieser Zeit eine wichtige Rolle«, sagt Witthöft. »So geht es etwa in den höfischen Romanen nicht nur um ritterliche Ehre oder Treue, es gibt auch immer eine Liebesgeschichte.« Berühmte Beispiele sind etwa Tristan und Isolde oder Lancelot und Ginover. Daher verwundert es nicht, dass diese Werke auch reich an Liebesgaben sind. Weniger verbreitet sind Liebesgaben in Schwänken und im Minnesang. »In Schwänken und Mären wird die körperliche Liebe meist sehr deutlich geschildert, während im Minnesang ein Dienstmann um die Gunst einer unerreichbaren Dame wirbt«, erklärt Witthöft.
Nimmt man die verschenkten Objekte genauer unter die Lupe, kommt heutigen Lesern vieles bekannt vor. Zwar wird sich wohl niemand mehr wie Ulrich von Liechtenstein in seinem »Frauendienst« (1255) den eigenen Finger abschlagen lassen, um ihn an die Liebste zu verschenken. Doch Schmuck oder Kleidung werden nach wie vor überreicht, und auch Blumen finden sich in der Literatur – allerdings nicht zum Strauß gebunden, sondern zum Kranz. Ungewöhnlicher erscheint das Schenken von Tieren wie Pferden, Habichten und vor allem Hunden.
»Tiere waren ein kostbarer Besitz«, erklärt Christiane Witthöft. »Hunde sind aber auch ein Symbol für Treue.« Jede Liebesgabe habe neben dem materiellen auch einen symbolischen Wert. So stünden ein Spiegel für Reinheit, Bänder für die Verbindung der Liebenden und ein Ring für die Unendlichkeit der Liebe. »Man macht Geschenke, um sich beim anderen in Erinnerung zu bringen oder um räumliche Distanz zu überbrücken«, so Witthöft weiter. Die angemessene Übergabe ist dabei wichtig: Wer das Geschenk nicht persönlich überreichen kann, muss einen vertrauenswürdigen Boten beauftragen.
Zugleich ist jedes Geschenk auch eine Verpflichtung für den Beschenkten. »Man muss sich also überlegen, ob man das Geschenk annimmt«, sagt Witthöft. Schwierig wird das etwa für Ulrich von Liechtenstein, als er von einer Dame in der Badewanne überrascht wird. »Er hatte kein Interesse an ihr, konnte aber in diesem Moment auch nicht flüchten«, berichtet die Germanistin. »So musste er das Geschenk annehmen und stand damit in ihrer Schuld.«
Auch eine Frau, die sich das T-Shirt ihres Partners anzieht, hat ihre Vorläuferinnen in der Literatur. »Gebrauchte Kleidungsstücke waren wie Reliquien, in ihnen war der geliebte Mensch präsent«, sagt Witthöft. So berichtet Wolfram von Eschenbach im »Parzival« (um 1210), wie König Gahmuret über der Rüstung stets ein dünnes weißes Seidenhemd seiner Ehefrau Herzeloyde trägt. 18 von Schwertern und Lanzen zerfetzte Hemden gibt er als Zeugen seiner Siege an Herzeloyde zurück. Die Königin trägt diese Hemden anschließend auf der bloßen Haut. So ist das Paar durch Kleidung innig verbunden – bis eines Tages der Knappe ein blutbespritztes Hemd nach Hause bringt.
Zum Glück ziehen die meisten Partner heute nicht mehr in den Kampf, sie gehen nur zur Arbeit. Trotzdem gelten für Liebesgaben im Grunde bis heute die gleichen Regeln: Man schenkt etwas Wertvolles und Persönliches zugleich. An welchem Tag im Jahr, spielt dabei keine so große Rolle.
Eva-Maria Karpf
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität,
presse@uv.uni-kiel.de





