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Nr. 64, 12.02.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Der weite Weg zum Wunder

Stammzellen sind die Wundertüten des menschlichen Körpers. Um aber mit ihrer Hilfe schwere Krankheiten zu kurieren, bedarf es keiner Wunder, sondern nimmermüder Forschungsarbeit.


Stark vergrößerter Blick auf menschliche Blutzellen. Foto: CAU

So ungefähr ist es gemeint, wenn Professor Thomas Bosch für die Schleswig- Holsteinische Universitätsgesellschaft seine Vorträge mit dem Titel »Wunder dauern etwas länger« hält. Bosch und sein Team am Zoologischen Institut der Uni Kiel haben besonders dem Süßwasserpolypen Hydra manches genetische Geheimnis entlockt, bleiben aber trotzdem auf dem Teppich. Selbst wenn Erkenntnisse in einzelnen Bereichen der Stammzellforschung noch so spektakulär erscheinen mögen, sind immer noch zu viele Fragen offen, meint Bosch.

Nicht von ungefähr wecken gerade die Stammzellen das Interesse der Genforschung. Diese Zellen gelten als wahre Vielseitigkeitskünstler, weil sie ganz verschiedenartige Funktionen ausüben können. Wie das funktioniert, darüber weiß die Wissenschaft schon allerhand. »Die molekulare Sprache der Stammzellen ist im Wesentlichen aufgeklärt«, befindet Professor Bosch und betrachtet das gleichwohl nur als einen Teilerfolg.

Mitverantwortlich für diese Zurückhaltung ist der chinesische Forscher Professor Ting Xie, der herausfand, dass es keineswegs genügt, eine Stammzelle an sich zu verstehen. Vielmehr hat die unmittelbare Umgebung der einzelnen Zelle großen Einfluss auf deren Verhalten, so dass es die Wissenschaft im Grunde mit kommunizierenden Wesen zu tun hat. »Das macht es nicht einfacher«, betont Bosch, der mit seinen eigenen Leuten ebenfalls etwas zur allgemeinen Verkomplizierung beigetragen hat. So tauschen sich in der Hydra evolutionsgeschichtlich neue Moleküle mit uralten Rezeptoren aus, ohne dass bislang jemand schlüssig erklären kann, wie das funktioniert.

Diese Wissenslücken sind jedoch kein Grund zur Verzweiflung. Schließlich gibt es immer wieder kleine und große Erfolgsgeschichten, die tatsächlich wie Wunder anmuten. Etwa als es der amerikanischen Firma Geron mit Hilfe von Stammzellen gelang, gelähmte Ratten wieder laufen zu lassen. Inzwischen wird dieses Verfahren an Menschen weiterentwickelt, und Thomas Bosch ist zuversichtlich, dass damit womöglich schon in den nächsten zehn Jahren erhebliche Fortschritte bei Querschnittslähmungen erreicht werden können.

Es kommt also »nur« darauf an, mit neuronalen Stammzellen eine Brücke über eine meist durch einen Unfall geschädigte Stelle im Rückenmark zu bauen. Sehstörungen, aber auch Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson könnten nach Boschs Einschätzung eines nicht sehr fernen Tages ähnlich behandelt werden. Ein Wundermittel gegen Krebs sei wegen der enorm komplexen Ursachen dieser Krankheit aber noch in weiter Ferne.

Dem stimmt Professor Martin Gramatzki zwar zu, dennoch ist nach seinen Worten im Kampf gegen Krebs schon heute einiges möglich, zum Beispiel auch mit Stammzelltherapien. Gramatzki ist Ärztlicher Leiter der Sektion für Stammzell- und Immuntherapie im Dr. Mildred Scheel Haus am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel. Unter seiner Regie erhalten dort jährlich etwa 120 Krebs patienten Knochenmarktransplantationen. Bei der Hälfte der Patienten, die meist an Krebserkrankungen des Blut- und Lymphsystems leiden, werden nach einer hochdosierten Chemotherapie zuvor gewonnene und tiefgefroren aufbewahrte körpereigene Stammzellen übertragen, die anderen Patienten benötigen Stammzellen fremder Spender. Die zweite Variante hat den Vorteil, dass durch das Transplantat das Immun system des Patienten erheblich gestärkt werden kann. Nach einer Chemotherapie verbliebene Krebszellen werden damit laut Gramatzki meist »erstaunlich präzise« unschädlich gemacht. Dank der angewandten Stammzellenforschung hat sich beispielsweise die Wahrscheinlichkeit, die gefürchtete »akute myeloische Leukämie« zu überleben, dramatisch verbessert.

Ein Sieg über den Krebs mit Mitteln der Stammzellentherapie ist das aber noch lange nicht, betont Professor Gramatzki: »Wir sind immer noch nicht annähernd in der Lage, Tumore gentherapeutisch zu behandeln, haben aber mit immunologischen und molekularen Methoden enorme Fortschritte in einer zielgerichteten Therapie gemacht.« Grundlegende Forschungsarbeiten wie sie das Team um Professor Bosch leistet, könnten jedoch, so hofft Gramatzki, dazu beitragen, dass die Stammzelltherapie sich über die Tumorbehandlung hinaus zur Ersatztherapie geschädigten Gewebes weiterentwickelt.

Martin Geist
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