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unizeit Nr. 64 vom 12.02.2011, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Verehrte Damen, geehrte Herren

Gleichstellung in allen Positionen – das ist ein Ziel des Zukunftskonzepts der Kieler Uni. Grundvoraussetzung dafür ist die geschlechtergerechte Sprache, meint Dr. Friederike Braun.


unizeit: Seit 40 Jahren ist das »Fräulein« aus der deutschen Sprache verbannt. Reicht das nicht schon an Gleichberechtigung in der Sprache?

Friederike Braun: Mit dieser kleinen Veränderung ist noch lange keine sprachliche Gleichstellung erreicht. Sie hat zwar dazu beigetragen, dass beide Geschlechter gleich behandelt werden, aber es gibt noch viel zu tun. Vorschriften für die öffentliche Sprache werden nicht konsequent umgesetzt und für die Alltagssprache gibt es gar keine Regelungen. Dabei haben öffentliche Texte eine Vorbildfunktion. Je häufiger darin beide Geschlechter vorkommen, desto mehr wird sich auch die Alltagssprache verändern.

Viele Frauen sagen, sie fühlen sich auch von maskulinen Wörtern angesprochen.

Das mag sein, aber was hilft es ihnen, wenn andere trotzdem eher an Männer denken? Unsere Studien zeigen, dass bei Fragen nach dem Lieblingsmusiker oder nach einem Politiker, der sich zum Bundeskanzler eignet, überwiegend Männer genannt werden. Fragen wir aber nach »Politikerinnen und Politikern« oder nach der »Lieblingspersönlichkeit aus dem Bereich Musik«, so werden signifikant mehr Frauen genannt.

Sollen wir deshalb eine historisch gewachsene Sprache verändern?

Darin sehe ich kein Problem. Die Vorstellung, dass Sprache etwas Natürliches ist, das einfach so vor sich hin wächst und sich verändert – das ist eine Illusion. In Sprache wird ständig eingegriffen. Das macht zum Beispiel der Duden, und in der Schule werden Kinder auch korrigiert. Deswegen können wir das auch mit Blick auf sprachliche Gleichstellung tun.

Friederike Braun ist Privatdozentin am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaften. Foto: privat

Als Universität ist es uns wichtig, mehr Frauen für Forschung und Lehre zu gewinnen. Steigen unsere Chancen, wenn wir von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sprechen?

Ja, das glaube ich schon. Nicht, dass wir damit automatisch fünfzig Prozent Frauen in allen Bereichen haben. Aber langfristig können gerade dort, wo männliche Stereotype vorherrschen, wie in den Naturwissen­schaften oder in hohen Positionen, eingefahrene Vorstellungen auf­brechen. Wenn eine Schülerin auf der Suche nach einem Beruf oder Studiengebiet ist, zieht sie ein Fach vielleicht eher für sich in Betracht, wenn auch von Frauen die Rede ist. Deshalb müssen immer wieder auch Frauen explizit genannt werden – das ist das Einzige, was wirklich hilft.

Schön formuliert ist gleichgestellte Sprache selten. Müssen wir den Stil der deutschen Sprache der Gleichberechtigung opfern?

Nicht unbedingt. Es kommt darauf an, wie geschickt es gemacht wird. Wenn überall nur von »Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern« gesprochen wird oder wenn auf Krampf konstruierte Wörter entstehen, dann ist es natürlich lang, umständlich und unschön. Aber es gibt mittlerweile viele geschickte Formulierungen. Mit ein bisschen Kreativität und Einfallsreichtum lässt sich das auch stilis tisch ganz gut machen. Untersuchen zeigen, dass gute geschlechtergerechte Texte genauso verständlich sind wie traditionelle.

Sind neutrale Worte wie Studierende, Forschende, Lehrende eine Lösung?

Ich habe nichts gegen solche Formen. An anderen Stellen in der deutschen Sprache gibt es sie schon lange. Wenn wir zum Beispiel an die »Auszubildenden« oder die »Beschäftigten« denken. Am Anfang klingen die Worte komisch, aber sobald sie häufiger verwendet werden, fallen sie gar nicht mehr störend auf. Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Wörter zwar formal für beide Geschlechter stehen, mit einem Begriff wie »Forschende« werden aber eher männliche Personen assoziiert. In Texten sollte also abwechselnd von Forschenden und von Forscherinnen und Forschern gesprochen werden.

Haben wir irgendwann eine Sprache, die Frauen und Männern gleichermaßen gerecht wird?

Die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben. Dass Frauen auch genannt werden oder dass neutral formuliert wird, ist im Grunde etwas sehr Bescheidenes. Ich kann mir vorstellen, dass wir in hundert Jahren einer geschlechtergerechten Sprache deutlich näher gekommen sind.

Das Interview führte Claudia Eulitz
Gleichstellung statt Bevorzugung
Eine Sprache, die Männer und Frauen gleichwertig und gleich sichtbar darstellt, ist geschlechtergerecht. Da muss also ein »Fräulein« weichen, wenn wir nicht alternativ die unverheirateten Männer mit »Männlein« anreden wollen. Ein kontroverses Thema ist das allemal. Doch wissenschaftliche Studien wie die von Friederike Braun belegen: Traditionell sind deutsche Texte maskulin formuliert. Es wird von Lesern, Bürgern, Wissenschaftlern gesprochen. Von Frauen ist selten die Rede.

Dabei gibt es Methoden, um politisch korrekt und stilistisch schön zu schreiben. Neutrale Wörter wie »Person« sind eine Alternative, aber auch kein Allheilmittel, denn je nach Situation sind sie eher männlich oder weiblich assoziiert. »Am wirkungsvollsten ist die Nennung beider Geschlechter, also beispielsweise der Leserinnen und Leser. Das hat auch nichts mit Feminismus oder mit Bevorzugung von Frauen zu tun«, so die Sprachwissenschaftlerin Braun. »Sprache prägt das Bewusstsein« – das ist bekannt. Deshalb kann sie auch dazu beitragen, Chancengleichheit von Frauen und Männern zu verwirklichen. (cle)
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