Schwarzes Gold aus Norddeutschland
Jahrtausendealte Pflanzenreste geben der Archäobotanikerin Wiebke Kirleis Auskunft über Wirtschaft und Lebensweise unserer Urahnen.

Wiebke Kirleis vergleicht alte und moderne Pflanzenreste. In der Sammlung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte kann sie auf rund 14.000 Proben zurückgreifen. Foto: Jürgen Haacks / Uni Kiel
»Diese Reste sind ausnahmslos schwarz verkohlt. Wären sie nicht mit Feuer in Kontakt gekommen, hätten sie sich in den trockenen Böden nicht über vier- bis sechstausend Jahre erhalten«, erklärt die Juniorprofessorin der Graduiertenschule »Menschliche Entwicklung in Landschaften«. Und die Farbe ist nicht die einzige Gemeinsamkeit mit dem Erdöl: Es ist auch ähnlich aufwändig, an die botanischen Überbleibsel heranzukommen. Zwar muss man nicht nach ihnen bohren, aber jede auszuwertende Bodenprobe muss mühsam geschlämmt werden.
»Im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1400 begleiten wir Archäologen zu Ausgrabungen in ganz Norddeutschland und Dänemark. Wenn sie auf interessante Erdformationen stoßen, dürfen wir uns bedienen«, berichtet Kirleis. Alte Gräben oder Gruben, in denen vor Jahrtausenden Speise- und Druschreste eingelagert wurden, sind ebenso vielversprechend wie Erde aus Großsteingräbern oder die Schichten, auf denen einst die Siedlungen standen. Im Idealfall ist vieles, was die Menschen damals fallen ließen, bis heute erhalten.

Unter dem Mikroskop lassen sich die wenige Millimeter kleinen, schwarz verkohlten Pflanzenreste anhand von Form und Struktur sortieren. Foto: Jürgen Haacks / Uni Kiel
Zahlreiche Erkenntnisse haben die Archäobotanikerin und ihr Team bereits aus den Funden gewonnen. »Zum Beispiel finden wir in Bodenproben, die aus Großsteingräbern entnommen wurden, nur sehr wenige Pflanzenreste. Im Schnitt kommt auf zehn Liter Erde gerade einmal ein einziger jungsteinzeitlicher botanischer Rest. In Proben aus ehemaligen Siedlungen sind es dagegen rund einhundert.« Die Funde aus den Gräbern sind meist Reste von Sammelpflanzen wie Haselnussschalen und Beeren. Kirleis vermutet daher, dass diese eine bedeutende Rolle bei Bestattungsriten gespielt haben, während Ackerpflanzen wie Getreide überwiegend in Siedlungen angetroffen werden, weil dort die Nahrungszubereitung stattfindet. »Diese Überbleibsel verraten uns, wann die ersten Ackerbauern in der Jungsteinzeit welche Pflanzen angebaut haben. Außerdem liefern wir für die Kulturanthropologie spannende Informationen: Pflanzen kommt eine spezielle Bedeutung zu, je nachdem, ob sie in einem vom alltäglichen Leben geprägten Raum (Siedlung) oder im rituellen Raum (Grab) angetroffen werden«, so Kirleis.
Jirka Niklas Menke
Mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hält Kirleis auch über die Graduiertenschule »Menschliche Entwicklung in Landschaften« Kontakt. Diese Vernetzung steht beispielhaft für das Zukunftskonzept, mit dem sich die CAU als Universität verbundener Wissenschaftskulturen in der Exzellenzinitiative bewirbt. (jnm)
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