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unizeit Nr. 64 vom 12.02.2011, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Schwarzes Gold aus Norddeutschland

Jahrtausendealte Pflanzenreste geben der Archäobotanikerin Wiebke Kirleis Auskunft über Wirtschaft und Lebensweise unserer Urahnen.


Wiebke Kirleis vergleicht alte und moderne Pflanzenreste. In der Sammlung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte kann sie auf rund 14.000 Proben zurückgreifen. Foto: Jürgen Haacks / Uni Kiel

Wenn vom »Schwarzen Gold« die Rede ist, denken die meisten Menschen an Erdöl. Nicht so Wiebke Kirleis: Sie hat bei diesem Ausdruck kleine Pflan­zenteile vor Augen, die seit mehreren Tausend Jah­ren in der Erde unserer Region liegen. Besonders interessiert sie sich für Funde aus der Jungsteinzeit. Für Fachleute wie Kirleis bergen sie wertvolle Infor­mationen über die Lebensbedingungen vor etwa 6.100 bis 4.200 Jahren, als die Menschen im heu­tigen Norddeutschland sesshaft wurden und began­nen, Ackerbau zu betreiben.

»Diese Reste sind ausnahmslos schwarz verkohlt. Wären sie nicht mit Feuer in Kontakt gekommen, hätten sie sich in den trockenen Böden nicht über vier- bis sechstausend Jahre erhalten«, erklärt die Juniorprofessorin der Graduiertenschule »Mensch­liche Entwicklung in Landschaften«. Und die Farbe ist nicht die einzige Gemeinsamkeit mit dem Erdöl: Es ist auch ähnlich aufwändig, an die botanischen Überbleibsel heranzukommen. Zwar muss man nicht nach ihnen bohren, aber jede auszuwertende Boden­probe muss mühsam geschlämmt werden.

»Im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 1400 begleiten wir Archäologen zu Ausgrabun­gen in ganz Norddeutschland und Dänemark. Wenn sie auf interessante Erdformationen stoßen, dürfen wir uns bedienen«, berichtet Kirleis. Alte Gräben oder Gruben, in denen vor Jahrtausenden Speise- und Druschreste eingelagert wurden, sind ebenso vielversprechend wie Erde aus Großsteingräbern oder die Schichten, auf denen einst die Siedlungen standen. Im Idealfall ist vieles, was die Menschen damals fallen ließen, bis heute erhalten.

Unter dem Mikroskop lassen sich die wenige Millimeter kleinen, schwarz verkohlten Pflanzenreste anhand von Form und Struktur sortieren. Foto: Jürgen Haacks / Uni Kiel

Die aus solchen Formationen entnommenen Zehn- Liter-Bodenproben werden zunächst in Wasser ein­geweicht. Da verkohltes Material leichter ist als Was­ser, schwimmt es auf und kann vom Rest der Probe getrennt werden. Was dabei übrigbleibt, spülen Grabungshelfer noch einmal durch mehrere Siebe. Die Maschen des feinsten liegen gerade einmal 300 Mikrometer auseinander, so dass den Archäobotanikern auch kleinste Pflanzenteile nicht entgehen. Danach werden die verbliebenen Pflan­zenreste unter dem Mikroskop sortiert und bestimmt. Dabei hilft die Vergleichssammlung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte. Sie enthält rund 14.000 moderne Proben von Samen und Früchten aller Art. »Oft gibt die Form oder Oberflächenstruktur den entscheidenden Hinweis, um welche Familie, Gattung oder Art es sich handelt«, erzählt Wiebke Kirleis und zieht Bilanz: »2010 haben wir 2.800 Liter Bodenproben von 16 jungsteinzeitlichen Grabungsplätzen analysiert.«

Zahlreiche Erkenntnisse haben die Archäobotanikerin und ihr Team bereits aus den Funden gewonnen. »Zum Beispiel finden wir in Bodenproben, die aus Großsteingräbern entnommen wurden, nur sehr wenige Pflanzenreste. Im Schnitt kommt auf zehn Liter Erde gerade einmal ein einziger jungsteinzeitlicher botanischer Rest. In Proben aus ehemaligen Siedlungen sind es dagegen rund einhundert.« Die Funde aus den Gräbern sind meist Reste von Sammelpflanzen wie Haselnussschalen und Beeren. Kirleis vermutet daher, dass diese eine bedeutende Rolle bei Bestattungsriten gespielt haben, während Ackerpflanzen wie Getreide überwiegend in Siedlungen angetroffen werden, weil dort die Nahrungszubereitung stattfindet. »Diese Überbleibsel verraten uns, wann die ersten Ackerbauern in der Jungsteinzeit welche Pflanzen angebaut haben. Außerdem liefern wir für die Kulturanthropologie spannende Informationen: Pflanzen kommt eine spezielle Bedeutung zu, je nachdem, ob sie in einem vom alltäglichen Leben geprägten Raum (Siedlung) oder im rituellen Raum (Grab) angetroffen werden«, so Kirleis.

Jirka Niklas Menke
Gut vernetzt
Um die Wirtschafts- und Lebensweise unserer Urahnen zu erforschen, arbeitet Wiebke Kirleis eng mit Kolleginnen und Kollegen aus vielen Fachbereichen zusammen. Archäologen, Geobotaniker, Klimatologen, Sedimentologen und andere Experten haben sich im Schwerpunktprogramm (SPP) 1400 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zusammengetan. Unter dem Titel »Frühe Monumentalität und soziale Differenzierung « befassen sie sich mit jungsteinzeitlichen Großbauten und frühen komplexen Gesellschaften im nördlichen Mitteleuropa. Auch international ist das Forscherteam gut vernetzt. So kooperieren die Kieler Forscher zum Beispiel mit dem Moesgård-Museum bei Aarhus. Dadurch werden ihnen Funde aus Dänemark zugänglich.

Mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hält Kirleis auch über die Graduiertenschule »Menschliche Entwicklung in Landschaften« Kontakt. Diese Vernetzung steht beispielhaft für das Zukunftskonzept, mit dem sich die CAU als Universität verbundener Wissenschaftskulturen in der Exzellenzinitiative bewirbt. (jnm)
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