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Nr. 64, 12.02.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Narren unter sich

Was macht einen Brauch zum UNESCO-Weltkulturerbe? Der Kulturanthropologe Markus Tauschek untersuchte das am Beispiel des Karnevals von Binche.


Das traditionelle »Gille«-Kostüm mit der Wachsmaske prägt das Bild des Karnevals von Binche. Foto: Tauschek / CAU

Das belgische Städtchen Binche liegt nicht weit von der französischen Grenze, ein beschaulicher Ort mit 10.000 Einwohnern, Kirche und Rathausplatz im Zentrum und den Resten einer Stadtmauer außen herum. Einmal im Jahr jedoch gibt es hier ein Spektakel, das Tausende von Besuchern anzieht: den Karneval von Binche. »Das ist ein großartiges Ereignis«, sagt Dr. Markus Tauschek. Der Juniorprofessor am Kieler Seminar für Europäische Ethnologie hat seine Dissertation über den Karneval von Binche geschrieben.

»Der Karneval von Binche wurde 2003 von der UNESCO in die Liste der "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" aufgenommen«, erklärt Tauschek. »Ich habe mich gefragt, warum und wie ein lokaler Brauch in die Sphäre der internationalen Kulturpolitik gerät.« Für Tauschek hieß das zunächst, die Feiern vom Sonntag bis Dienstag vor Aschermittwoch selbst zu erleben. »Als ich den ersten Antrag für die Dienstreise einreichte, wurde mir das fast nicht bewilligt«, erzählt er schmunzelnd. Insgesamt dreimal war der Kulturanthropologe während der Karnevalszeit in Binche und begleitete die Akteure mit Notizblock und Kamera – von den frühen Morgenstunden bis tief in die Nacht. »Das war harte Arbeit, besonders weil man ständig zum Trinken eingeladen wird«, berichtet der 33-Jährige, der nach eigener Auskunft »kein großer Karnevalist« ist.

Zentrale Figuren des Bincher Karnevals sind die »Gilles«, Hunderte von Männern in einheitlichen, prachtvollen Kostümen mit einem hohen Kopfschmuck aus Straußenfedern. Begleitet von Trommlern, ziehen sie durch die Straßen und führen auf dem Rathausplatz Rundtänze auf. Ein Höhepunkt im Programm ist das Aufsetzen der Wachsmaske, die allen Gilles das gleiche Gesicht mit Schnurrbart und Nickelbrille gibt. »Das wirkt sehr exotisch, die Männer unterscheiden sich nur noch durch ihre Größe«, berichtet Markus Tauschek. »Nur Einheimische dürfen die Kostüme tragen, da gibt es strenge Regeln.«

Mehrere unterschiedliche Legenden führen den Brauch auf das Mittelalter zurück. Bis heute wird er von den Eltern an die Kinder weitergegeben. »Die schriftliche Überlieferung beginnt jedoch erst im 19. Jahrhundert, als man sich der Besonderheit bewusst wurde«, so Tauschek. Ein wichtiger Einschnitt sei 1857 der Bau der Bahnlinie ins 60 Kilometer entfernte Brüssel gewesen. »Von da an führte der Umzug am Bahnhof vorbei, es entstand ein festes Programm mit Uhrzeiten, damit die Besucher sich orientieren konnten.«

Damit setzte sich Binche von anderen Städten im französischsprachigen Teil Belgiens ab: »Karneval wird in der ganzen Wallonie gefeiert, mit ähnlichen Kostümen und Musik, auch wenn einzelne Details variieren«, erklärt Tauschek. Doch nur der Karneval von Binche wurde zu einem Markenzeichen, das über Belgien hinaus Bekanntheit erlangte. Um die Tradition zu wahren und zu erforschen, wurde 1975 am Rathausplatz das Internationale Museum des Karnevals und der Masken gegründet. In den 1980ern wurde die Wachsmaske patentrechtlich geschützt und der Name »Carnaval de Binche« ins Markenregister eingetragen. Trommelschulen geben die Tradition an Kinder und Jugendliche weiter.

All das habe mit bewirkt, dass der Karneval von Binche in die UNESCO-Liste aufgenommen wurde. »Der Karneval wurde also nicht "von Natur aus" zum schützenswerten Kulturerbe – sondern deshalb, weil die Akteure im Lauf der Geschichte ihm Bedeutung beigemessen haben«, bilanziert Tauschek. »Der UNESCO-Beschluss basiert auf dieser langen Vorgeschichte.« Der Faszination des Bincher Karnevals tue das aber keinen Abbruch, findet der Wissenschaftler. »Wenn am Dienstagabend der ganze Rathausplatz von roten, bengalischen Feuern illuminiert wird, die die Schatten der tanzenden Gilles an die Häuserwände werfen – das hat eine unglaubliche Wirkung«, sagt Tauschek. »Da spürt man, warum die Bincher so viel Zeit und Geld in ihren Karneval investieren.«

Eva-Maria Karpf

Markus Tauschek: Wertschöpfung aus Tradition. Der Karneval von Binche und die Konstituierung kulturellen Erbes. Berlin 2010
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