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Nr. 65, 09.04.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Lob der Linderung

Allein und unter qualvollen Schmerzen zu sterben, diese Angst nagt an Vielen. Sie zu nehmen, ist das Ziel der Palliativmedizin.


Dr. Dieter Siebrecht nimmt sich viel Zeit für Gespräche mit seinen schwer­kranken Patienten. Foto: pur.pur

Das Interdisziplinäre Zentrum für Schmerz- und Palliativ­medizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel, ist auf seine Art landesweit einmalig. Schmerzkranke und Menschen, denen ihre nur noch begrenzte Lebenszeit so lebenswert wie möglich gestaltet werden soll, werden nirgendwo sonst in einem Haus und von einem Team betreut.

Dabei ist das Konzept nachahmenswert. Unabhängig davon, ob jemand unter chronischen Rücken- oder Kopfschmerzen leidet oder aber wegen eines Krebsleidens die letzte Phase seines Lebens erreicht hat, läuft die medizinisch-therapeutische Strategie auf dasselbe hinaus: Es geht nicht um Heilung, sondern um den bestmöglichen Umgang mit der jeweiligen Krankheit.

Oberarzt Dr. Dieter Siebrecht ist im Kieler Schwanenweg Herr über 18 Betten und Kopf eines breit aufgestellten Teams von Spezialkräften. Ärzte, Psychologinnen, Sozialarbeiter, Ergotherapeuten und bei Bedarf ebenso Kunst- oder Musiktherapeutinnen folgen der Philosophie, dass eine gute Therapie nur zum Teil von den richtigen Medikamenten abhängt. »Da gehört viel mehr dazu«, betont Siebrecht, nach dessen Erfahrung kaum ein Fall dem anderen gleicht.

Während die Eine vor allem reden muss, um sich von ihrem Kummer zu befreien, ist dem Anderen vielleicht eher mit Malen und Musik geholfen. Und nicht selten mit Sozialarbeit. Gerade für Menschen, die dem Tod entgegensehen, sind laut Siebrecht »Beziehungen das Allerwichtigste«. Gelingt es, doch noch einen Draht zum Sohn oder der Tochter herzustellen, zu dem oder der Jahre zuvor jeder Kontakt abgebrochen war, kann das mehr bewirken als jede Pille.

In solchen Momenten spüren Siebrecht und sein Team, wie wichtig ihre Arbeit ist. Und sie bekommen es auch in anderen Situationen oft genug gesagt. Aline Herzog* ist 52 und weiß, dass sie vielleicht nur noch ein paar Tage zu leben hat. Vor zwei Jahren bekam sie die Diagnose Knochenkrebs, stellte sich der Krankheit, kämpfte und musste doch einsehen, dass gegen die immer neuen Metastasen und das letztlich einsetzende Organversagen nichts mehr zu machen ist. Trotzdem wirkt Aline Herzog alles andere als verzweifelt. »Die Schmerzen haben wir gut im Griff, und überhaupt fühle ich mich hier wie im Fünf- Sterne-Hotel«, sagt die Frau, die sich für den Rest ihrer Zeit wünscht, dass die Ärzte ihre zuweilen quälende Atemnot lindern können und sie besser auf den Beinen ist. »Wenigstens noch ein paar Tage.«

Dr. Siebrecht ist zuversichtlich, dass diese Wünsche erfüllbar sind. Überhaupt gebe es niemanden, dem nicht geholfen werden könne, versichert der Mediziner, der daran auch der Forschung einen erheblichen Anteil beimisst. »Die Schmerztherapie hat in den vergangenen 25 bis 30 Jahren eine enorme Entwicklung genommen«, sagt der Oberarzt. Gelernt wurde vor allem, zwischen den verschiedenen Arten von Schmerzen zu unterscheiden und diese entsprechend zu behandeln. Nervenschmerzen, Schmerzen, die an den Rezeptoren entstehen oder durch Entzündungen, erfordern sehr unterschiedliche Therapien und bei richtiger Vorgehensweise oft sogar geringer dosierte Medikamente, als sie den Betroffenen von nicht spezialisierten Ärzten verordnet worden sind. Weil zugleich die Pharmahersteller eine ganze Reihe von sehr gezielt wirkenden Arzneien entwickelt haben, könnten die durch Allerweltsschmerzmittel drohenden schweren Nebenwirkungen im Magen- und Darmbereich erheblich eingedämmt werden.

Auch wenn Dr. Siebrecht nicht glaubt, dass in Sachen Pharmaforschung die Bäume in den Himmel wachsen, schreibt er der Schmerz- und Palliativmedizin doch einiges an Potenzial zu. Wenn die interdisziplinäre Arbeit weiter gedeiht und ihre Vorzüge noch besser genutzt werden, ist nach seiner Überzeugung »viel möglich«.

Martin Geist

* Name von der Redaktion geändert.
Förderverein Palliativmedizin
In den 18 Betten des Zentrums für Schmerz- und Palliativmedizin am Kieler Universitätsklinikum liegen jährlich etwa 450 Patientinnen und Patienten. Sie leiden zu etwa 40 Prozent an chronischen Schmerzen. Die übrigen sind vor allem Krebskranke, aber auch Menschen mit schweren Lungen- oder Herzkrankheiten. Meist schaffen es die Fachleute innerhalb kurzer Zeit, die Beschwerden deutlich zu lindern. Nach durchschnittlich elf Tagen werden die Patienten wieder entlassen, entweder nach Hause, in ein Pflegeheim oder ein Hospiz. Etwa ein Drittel stirbt in der Klinik.

Im Gegensatz zu den Praxen niedergelassener Schmerzspezialisten muss sich die Palliativmedizin in der Klinik keine Sorgen um die Grundfinanzierung ihrer Arbeit machen. Spezielle Leistungen wie Kunst- und Musiktherapie oder Fortbildungen fürs Pflegepersonal sind jedoch im Budget nicht enthalten. In diesen Fällen springt der Förderverein für Palliativmedizin ein, der außerdem von den Bildern an der Wand über die stets frischen Blumensträuße bis zu DVD-Playern in den Zimmern viele Sachmittel finanziert.

Förderverein für Palliativmedizin e.V.,
Arnold-Heller-Straße 9
Tel. 0431/597-3075/-3001
www.fvp-kiel.de
Spendenkonto: Konto-Nr. 90977700, Volksbank Kiel, BLZ 21090007
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