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Nr. 65, 09.04.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

So schmeckt die Welt

Japanisches Sushi, amerikanische Jeans und deutsche Autos sind fast auf der ganzen Welt beliebt. Das ist nicht zuletzt ein kulturelles Phänomen.


Foto: istockphoto

Warum treten manche Güter einen Siegeszug um den ganzen Globus an? Was passiert an den fremden Orten mit diesen Gütern? Wie werden sie dort gedeutet? Und warum gehen selbst eifrigste Bemühungen zur Exportförderung bei bestimmten Angeboten in die Hose? Antworten auf diese Fragen suchen Anglist Professor Christian Huck, Soziologe Dr. Stefan Bauernschmidt, Anglistin Nicola Dropmann und Ethnologin Sonja Weishaupt innerhalb des für fünf Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts: »Travelling Goods/Travelling Moods« (zu Deutsch: Reisende Waren/ Reisende Stimmungen).

In den Fokus rückt dabei laut Projektleiter Huck die Tatsache, dass die Begegnung mit Fremden meist nicht von Mensch zu Mensch, sondern über die von den Fremden geschaffenen Dinge geschieht: »Wir reisen nicht nach China, aber wir gehen chinesisch essen.« Was bei derartigen Annäherungen an andere Kulturen passiert, loten der Professor und sein Team seit gut drei Jahren am Beispiel der Ära zwischen 1918 und 1939 aus.

Bewusst setzen sie sich damit ab von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Amerikanisierung angeblich bis in die entlegensten Ecken der Erde vorzudringen begann. »Globalisierung hat in Wirklichkeit schon viel früher begonnen«, begründet Huck den zeitlichen Rückgriff und äußert im Übrigen seine Zweifel daran, ob die These vom allumfassenden »American way of life« je wirklich zutreffend war.

Wenn ein Land über Güter einem anderen Land begegnet, führt das nach Hucks Einschätzung immer zu Veränderungen auf beiden Seiten. Der mexikanische Teppichläufer – ursprünglich ein Resultat typischer Arme-Leute-Handarbeit – wird in vornehmen kalifornischen Häusern plötzlich zum schicken Wandbehang. Andersherum galt um 1920 das legendäre Ford-T-Modell in den USA als eine Art besserer Trecker für ländliche Regionen, während sich in Deutschland nur wenige überhaupt ein Auto leisten konnten.

Doch ändert sich beim Export von Waren nicht nur deren Deutung, sondern oft auch ein Stück weit die Ware selbst. Sogar ein auf straffen Prinzipien aufgebauter Konzern wie McDonalds präsentiert sich in Indien anders als in der Heimat, brät Burger ohne Rindfleisch und mit speziellen Gewürzen. Chop Suey, das wohl beliebteste chinesische Essen in den USA, verbindet die Essgewohnheiten chinesischer Einwanderer mit denen ihres neuen Heimatlandes. Während Rindfleisch und Sellerie eher amerikanische Beigaben sind, kamen Wasserkastanien und Bambus- sprossen tatsächlich aus China.

Die Pizza als ein Stück Urlaub zum Essen, die Harley als symbolischer Ritt in eine Welt aus Freiheit und Abenteuer – all das schwingt im Einzelfall mit, wenn Produkte Grenzen überschreiten. Doch längst nicht alles, was im Ursprungsland ein Renner ist, kommt auch andernorts an. So mühte sich in den 1920er Jahren der deutsche Staat ebenso redlich wie erfolglos, seiner Arbeiterklasse Fish and Chips schmackhaft zu machen, um damit den Absatz von heimischem Schellfisch und Kabeljau anzukurbeln. Das zeigte laut Huck zwar in Norddeutschland gewisse Erfolge, sonst hatte der Briten-Import kein gutes Image – und gegen das gute alte Wurstbrot keine Chance.

Martin Geist
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