CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 65Seite 5
Nr. 65, 09.04.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Konfliktreiche Sprachgeschichte

Deutsche und dänische Politiker nutzten Sprache, um ihre Macht zu festigen. Die zuweilen bemerkenswert eigensinnigen Leute interessierte das wenig.


Dr. Nils Langer stammt aus Wasbek bei Neumünster, hat seine wissenschaftliche Heimat aber in Großbritannien. Foto: Martin Geist

Sprachgeschichtliche Spannungen zwischen Dänen und Deutschen beziehungsweise Dänisch und Niederdeutsch im Raum Schleswig-Holstein erforscht Dr. Nils Langer von der Universität Bristol. Er ist für ein gutes Jahr bei Professor Michael Elmentaler an der Niederdeutschen Abteilung der Uni Kiel zu Gast. Finanziert wird das Projekt von der Alexander von Humboldt-Stiftung, deren Aufgabe es ist, den wissenschaftlichen Austausch mit dem Ausland zu fördern.

Ausländer ist Langer eigentlich nicht, sondern waschechter Holsteiner. Allerdings hat er seine Heimat nach Abitur und Zivildienst in Neumünster vor 20 Jahren in Richtung Großbritannien verlassen, wo er englische und deutsche Sprachwissenschaft studierte. Seit dem Jahr 2000 ist er Dozent in Bristol und befasst sich vor allem mit historischer Soziolinguistik. Und das bringt ihn nun zurück nach Schleswig-Holstein, denn die hiesigen Sprachverhältnisse waren im 19. Jahrhundert Anlass für zahlreiche Konflikte selbst militärischer Art.

Gerade das politische Gerangel zwischen Dänen und Deutschen um das Doppelherzogtum hat immer wieder zu sprachpolitischen Lösungsversuchen geführt. Man glaubte – und das galt zu jeweils unterschiedlichen Zeiten sowohl für Dänen als auch für Preußen – dass gute Untertanen und Staatsbürger zu gewinnen seien, wenn bereits in der Schule nur eine Sprache erlaubt ist. Amtliche dänische Regelungen zur Sprache und ebenso preußische Geschäftssprachengesetze zielten darauf ab, dass immer nur eine Sprache als Kirchen-, Schul-, und Verwaltungssprache erlaubt sei. Interessanterweise wurden dabei die tatsächlichen damaligen Muttersprachen der Menschen, nämlich Sønderjysk für die Dänen und Plattdeutsch für die Deutschen, von der Politik völlig ignoriert.

Langers Interesse gilt auch deshalb vor allem den Sprachverhältnissen der kleinen Leute. Sein Ziel ist es, eine Sprachgeschichte »von unten« zu schreiben. Das Problem für einen Historiker ist dabei immer, die richtigen Quellen zu finden. Denn obwohl das einfache Volk in der Schule rudimentäre Lese- und Schreibkenntnisse erlernte, spielte das nach dem Schulbesuch im sprachlichen Alltag für gewöhnlich keine Rolle mehr. Tagebücher und Privatbriefe von Bauern und kleinen Handwerkern sind ausgesprochen selten. Und so wühlt sich Langer durch die Archive der Landesbibliothek in Kiel und des Landesarchivs in Schleswig, wo Zeitungen von Lehrerverbänden oder Protokolle von Schulinspektionen gelegentlich Hinweise auf die Sprachsituation auf dem platten Land bieten. Zum Beispiel berichtet Lehrer Moritzen aus Weesby bei Flensburg am 8. Juni 1875: »Da die Kinder hier ohne Ausnahme ohne irgendeine Kenntniß der deutschen Sprache in die Schule eintreten, auch zu Hause immer dänisch sprechen, so vergeht nicht nur geraume Zeit, ehe die Kinder die Sprache des Lehrers nach Jahren lernen und also ein geordneter Unterricht anfangen kann, sondern auch die Sprachfertigkeit der Kinder kann nicht zur rechten Entwicklung gelangen; die Kinder bleiben wortarm und infolge dessen verschlossen, und der Lehrer kann fast nicht umhin beim unmittelbaren Unterricht sehr häufig sprachliche Bemerkungen einzuschalten, was namentlich beim Religionsunterricht eintritt.«

Spannend und arbeitsaufwendig genug ist dieses Thema damit allemal, um die Zeit als Humboldt-Stipendiat ohne jeglichen Leerlauf zu verbringen. Außer an seinen sprachwissenschaftlichen Forschungen erfreut sich Langer auch an der Gelegenheit, nebenbei den deutschen Wissenschaftsbetrieb von innen zu studieren. Schnell zu schätzen gelernt hat er die Vorzüge des Mensawesens, das in Großbritannien unbekannt ist. Und ebenso zu würdigen weiß er, dass er dank der Großzügigkeit der Humboldt-Stiftung eine völlig neue Erfahrung machen kann: Zum ersten Mal in seiner Karriere darf er eine wissenschaftliche Hilfskraft beschäftigen, die vor allem die Internetseite des Projekts betreut. Martin Geist

www.spsh.uni-kiel.de
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de