CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 65Seite 8
Nr. 65, 09.04.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Besser messen

Der Forschungsstand zu Bluthochdruck bei Kindern und Jugendlichen ist dürftig. Eine Kieler Studie will Lücken schließen und sucht dafür 12- bis 17-jährige Freiwillige.


Sportwissenschaftlerin Claudia Hacke misst den Blutdruck, während Anna Glindemann auf dem Fahrradergometer strampelt. Foto: pur.pur

Die erste Stunde in der Schule am Eiderwald ist bereits im Gange, als Sportwissenschaftlerin Claudia Hacke und Sportstudentin Sabrina Jürgs den Klassenraum der 10b betreten. Klassenlehrerin Dagmar Schlink hat das Team aus der Kieler Sportmedizin schon erwartet. Statt Deutsch steht heute Wiegen und Messen auf dem Stundenplan. Die 10b ist eine von zwei Klassen der Grund- und Regionalschule in Flintbek, die das sportmedizinische Forschungsprojekt unterstützen. Die Studie soll Auskunft geben über das Blutdruckniveau und Gesundheitsrisiko von Kindern und Jugendlichen.

»Wer hat eine Einwilligung zur Studie abgegeben?«, fragt die Lehrerin. 20 Hände gehen hoch. In Dreier-Grüppchen schickt sie die Freiwilligen in einen Nebenraum, wo ein provisorischer Untersuchungsraum eingerichtet ist. Zuerst geht es in Strümpfen auf die Waage. Das Gewicht ist ein heikles Thema, vor allem bei den Mädchen. Einige legen schnell noch Pullover, Schal oder Jacke ab, damit bloß nicht zu viel im Protokoll eingetragen wird. Dass die Daten anonym übertragen werden, also kein anderer von ihrem Gewicht erfährt, spielt hierbei keine Rolle. Als nächstes misst Sabrina Jürgs den Taillenumfang, als Maß für das im Bauchraum lokalisierte Fettgewebe. Erhöhte Werte gelten als wichtiger Risikofaktor für Folgeerkrankungen durch Übergewicht. Anschließend geht es zur Blutdruck- und Pulsmessung.

»Da die Werte erheblich schwanken, messe ich den Blutdruck dreimal«, erklärt Claudia Hacke. Trotzdem ist es schwierig, die Werte zu beurteilen. Stress lässt den Blutdruck ansteigen. »Bist du aufgeregt?«, fragt die Sportwissenschaftlerin einen 16-jährigen Schüler, bei dem sie einen Blutdruck von 168/105 mmHg misst. Werte, die auch bei Erwachsenen als behandlungsbedürftig gelten. Der Schüler verneint und wirkt auch äußerlich völlig entspannt. Der Blutdruck bleibt aber auch bei den zwei folgenden Messungen auf hohem Niveau. Ob die Werte dauerhaft erhöht sind oder nur die Aufregung den Blutdruck in die Höhe treibt, lässt sich schwer sagen. »In jedem Fall aber sollte der Blutdruck des Jungen durch den Hausarzt beobachtet werden. Das teilen wir auch den Eltern mit«, so Hacke. Interessant wäre auch zu wissen, wie der Blutdruck bei Belastung aussieht. Denn Störfaktoren wie Stress und Aufregung spielten bei der Blutdruckmessung auf dem Fahrradergometer keine Rolle.

Während des nächsten Termins in der Sporthalle wird die Wissenschaftlerin daher neben der körperlichen Leistungsfähigkeit auch den Belastungsblutdruck messen. Bei Erwachsenen habe sich diese Messung bewährt. Damit lasse sich besser als mit dem Ruheblutdruck das gesundheitliche Risiko einschätzen. »Wir wollen zeigen, dass das auch bei Kindern und Jugendlichen relevant ist und dass der Belastungsblutdruck stärker mit anderen Risikofaktoren zusammenhängt als der Ruheblutdruck.«

Tatsächlich ist über Bluthochdruck in jungen Jahren relativ wenig bekannt. Die Häufigkeit steigt, das ist belegt. Allerdings ist unklar, welche Werte bei Personen unter 18 Jahren gesundheitlich bedenklich sind, und wie Risikopersonen frühzeitig erkannt werden können. Dies möchte Claudia Hacke in ihrer Doktorarbeit, für die sie ein Stipendium der Fazit-Stiftung bekommen hat, herausfinden. Bereits in ihrer Magisterarbeit hat sie zum Blutdruck im Kindes- und Jugendalter geforscht und dafür einen Preis der Deutschen Hochdruckliga e.V. erhalten. Dies hat sie darin bestärkt, die Forschung in diesem Bereich zu vertiefen. Bis April/Mai 2012 nimmt sie daher Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren unter die Lupe. »Wir erheben verschiedene Risikofaktoren, die ausschlaggebend sind für den Blutdruck wie Übergewicht, körperliche Inaktivität und eine familiäre Veranlagung.« Anhand der Daten will die Sportwissenschaftlerin ein neuartiges Referenzsystem konzipieren, so dass der Blutdruck von Kindern und Jugendlichen besser beurteilt werden kann als bisher.

Neben der Schule am Eiderwald haben bis jetzt vier andere Schulen einer Teilnahme bei dem Forschungsprojekt zugestimmt. Weitere sind willkommen mitzumachen. Untersuchungen finden außerdem schulunabhängig in der Abteilung Sportmedizin (Leitung: Professor Burkhard Weisser) des Instituts für Sportwissenschaft statt. Um repräsentative Aussagen treffen zu können, ist ein möglichst großes Studienkollektiv nötig. Daher können noch sehr viele Kinder und Jugendliche in die Studie aufgenommen werden.

Kerstin Nees

Kontakt: c.hacke@email.uni-kiel.de
Tel. 0431//880-3564
www.blutdruckstudie-iss.jimdo.com
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de