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Nr. 65, 09.04.2011  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Dem Kopfschmerz davonlaufen

Eine wirksame Migränetherapie beginnt lange vor der Attacke, zum Beispiel mit regelmäßigem Entspannungstraining oder Ausdauersport.


Foto: istockpohoto

»Migräne habe ich, seit ich 17 Jahre alt bin. Das sind Kopfschmerzen, die so richtig hämmern und bei der kleinsten Bewegung unerträglich werden können.« Bis zu viermal monatlich leidet die heute 36-jährige Sabine S.* an den Anfällen. Vereinzelt haben diese eine ganz besondere Symptomatik. »Dann habe ich zunächst Sprechstörungen, das heißt ich kann gar nichts mehr sagen oder lalle wie eine Betrunkene. Das hält zwar nur kurz an, ist aber sehr erschreckend. Danach habe ich Sehstörungen. Diese beginnen mit einem kleinen verschwommenen Punkt, der in sich fließend immer größer wird, und irgendwann kann ich die Hälfte des Gesichts von meinem Gegenüber nicht mehr erkennen. Das ist so eine Art Knick in der Optik oder Riss in der Scheibe. Nach einer halben bis dreiviertel Stunde kann ich wieder normal sehen, und dann gehen die Kopfschmerzen los.«

Sinnesausfälle wie diese bezeichnet man als Aura. Rund 20 Prozent aller Menschen mit Migräne haben eine solche Symptomatik. Besonders häufig sind Lichtblitze, aber auch Sprechstörungen oder motorische Störungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühle. Sabine S. kennt sie alle. »Das ist schon sehr ungewöhnlich«, meint Claudia H. Overath, die am Institut für Medizinische Psychologie der CAU promoviert. Sie betreut die Migränepatientin im Rahmen einer neuen Studie, bei der die Wirksamkeit eines Ausdauertrainings auf die Migränehäufigkeit und -schwere untersucht wird.

Bereits in einer ersten Studie hat Studienleiterin Dr. Stephanie Darabaneanu bewiesen, dass Ausdauersport vor Migräneattacken bewahren kann. »Die Migränetage im Monat konnten in der Sportgruppe um 40 Prozent reduziert werden und auch die Migräneintensität sank um etwa 40 Prozent«, so die Kieler Psychologin. In der neuen Studie geht es jetzt darum, genauer herauszufinden, wie Sport wirkt. »Wir nehmen an, dass über das regelmäßige Laufen Stress abgebaut wird. Migränepatienten reagieren sensibler auf Stress, das ist bekannt«, erklärt Overath.

Dass das Stressempfinden in der Sportgruppe tatsächlich zurückging, ergab die Befragung der Patienten mit speziellen Fragebögen. »Das Lauftraining verringerte Stress auf drei Ebenen: Ersatzbefriedigung, Suche nach Selbstbestätigung und Aggressionsgefühle«, so Darabaneanu. »Das leuchtet ein. Wenn Sie dreimal die Woche laufen, Leute treffen und es sich nett machen, dann müssen Sie weniger Schokolade essen, Kaugummi kauen oder fernsehen.« Der Rückgang der Aggressionsgefühle deute zudem darauf hin, dass auch auf biochemischer Ebene etwas passiert, indem sich Stresshormone wie Adrenalin mit dem Lauftraining abbauten. Um dies zu überprüfen, wird in der jetzt gestarteten Studie auch untersucht, wie Stresshormone im Blut auf das Lauftraining reagieren.

Einen Zusammenhang zwischen Stress und Migräne hat auch Sabine S. festgestellt. »Bei mir löst die Aufregung über eine unangenehme Überraschung oder Veränderungen eine Migräne aus.« Außerdem sei die Häufigkeit der Migräneattacken mit zunehmender Belastung im Alltag von früher zwei pro Monat auf derzeit vier angestiegen. »Wenn ich die allgemeinen Tipps für Migränepatienten konsequent beherzige, also regelmäßig esse, häufiger mal nein sage und Entspannungsübungen mache, dann wird es auch besser.« Von der Studie und dem Lauftraining erhofft sie sich, dass die Abstände zwischen den Migräneanfällen wieder größer werden. »Ich möchte auch sportlich ein bisschen fitter werden und auch nach Ende der Studie weiter laufen.«

Mit dieser Einstellung ist sie auf dem richtigen Weg. »Denn Migränekranke denken oft, ihre Krankheit ist die Attacke. Das stimmt nicht. Sie sind chronisch krank und müssen eigentlich generell ein bisschen auf sich achten«, erklärt Darabaneanu.

Kerstin Nees

* Name von der Redaktion geändert.
Sport treiben und besser werden
»Entscheidend für den Therapieerfolg ist, dass die sportliche Leistungsfähigkeit zunimmt.« Davon ist Professor Burkhard Weisser vom Institut für Sport und Sportwissenschaften überzeugt. Der Sportmediziner ist mit seinem Team an der Bewegungsstudie für Migränepatienten beteiligt. »Wir wollen nicht nur, dass die Leute sich irgendwie bewegen, sondern dass sie tatsächlich trainieren und besser werden. Denn nur dann haben wir den größten Effekt auf die Gesundheit.« Deshalb werden die Beteiligten vor und nach dem Trainingsprogramm sportmedizinisch untersucht und nach dem jeweiligen Leistungslevel trainiert.

Eine Leistungssteigerung zeige an, ob tatsächlich eine effektive Belastung stattgefunden hat. Weisser: »Wenn sich die Leistung nicht verbessert, haben sie sich nicht ausreichend bewegt.« Die gute Leistungsfähigkeit sei aber wichtig, da sie viele Belastungen im Alltag abpuffern könne. »Wenn ich gut trainiert bin, kann ich zum Beispiel einem Bus hinterherlaufen, ohne außer Atem zu kommen und den Körper übermäßig zu belasten.« (ne)
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