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Nr. 66, 28.05.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Hoffnung für Iran

Hunderttausende demonstrierten 2009 im Iran gegen das Wahlergebnis, das Präsi­dent Mahmud Ahmadinedschad für weitere vier Jahre im Amt bestätigte. Was ist aus der »grünen Revolution« geworden?


Mir Hussein Mussawi, Gegenkandidat des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, im Juni 2009 bei einer Protestdemonstration. Foto: Picture Alliance

»Der Protest entstand, weil die Wahl so offensichtlich nicht in Ordnung war«, sagt Professor Anja Pistor-Hatam, die an der Kieler Universität Islamwissenschaft lehrt. »Kollegen haben nachgewiesen, dass das Wahlergebnis gefälscht war.«

Auch wenn kürzlich in anderen arabischen Ländern Proteste der Bevölkerung zum Sturz von Regierungen geführt haben, rechnet sie nicht damit, dass es zum zweiten Jahrestag der Wahl am 13. Juni ähnliche Demonstrationen geben wird. »Das Regime schlägt brutal zurück«, sagt Pistor-Hatam. »Auf die Straße zu gehen, kann heißen, dass man gefoltert wird und stirbt.« Niemand traue sich, öffentlich zu sagen, dass der Staat sich grundlegend verändern müsse. »Daher wissen wir auch nicht, wie viele sich das wünschen.«

Politiker der »Grünen Bewegung« wie der Architekt Mir Hussein Mussawi, von 1981 bis 1989 letzter iranischer Premierminister und 2009 Ahmadinedschads Gegenkandidat, oder der Kleriker Mehdi Karroubi, ehemaliger Parlamentspräsident und Präsidentschaftskandidat 2005, bildeten keine echte Opposition: »Sie sind Teil des Systems, sie wollen nicht die Iranische Republik abschaffen, nur den Präsidenten«, sagt Pistor-Hatam. Beide Politiker wurden im Februar 2011 inhaftiert.

Auf die Berichte, die aus dem Land nach außen dringen, müsse man sehr kritisch blicken. »Journalisten, die Menschen befragen, bekommen sofort Ärger«, sagt die Islamwissenschaftlerin. Die Regierung versuche, Menschen vom Internet abzuschirmen. Auch Handybilder seien schwer einzuordnen: »Wer hat das geschickt und zu welchem Zweck?«

Umso mehr bedauert Anja Pistor-Hatam, dass der Kontakt zur Universität Teheran, den sie in der Regierungszeit von Ahmadinedschads Vorgänger Mohammad Chatami geknüpft hatte, nun abgebrochen ist. »Im September 2005 besuchten wir dort eine Sommerakademie, aber der Gegenbesuch der iranischen Studierenden fiel aus«, berichtet sie. »Dann wurde der Universitätspräsident gewechselt, und der Kontakt brach ab.« Zensur und Überwachung seien an den Universitäten eingezogen. »Professoren wurden in Rente geschickt oder aus dem Land gejagt, vor allem die aus der politischen Wissenschaft«, sagt Pistor-Hatam.

In Deutschland leben viele Iraner, die wegen dieser Veränderungen ihr Land verlassen haben. Zu ihnen gehört Arash Guitoo, einer von Pistor-Hatams Studierenden. Der 30-Jährige hat im Iran ein Studium absolviert und als Jurist an der deutschen Botschaft in Teheran gearbeitet. Seit 2005 ist er in Deutschland. Da sein Studium hier nicht anerkannt wird, hat er sich an der Kieler Uni für Islamwissenschaft eingeschrieben – »aus Leidenschaft«, wie er sagt.

Er berichtet, wie sich das Leben von jungen Menschen nach Ahmadinedschads Regierungsantritt verändert hat. »Vom Kindergarten an gibt es jetzt Sittenwächter, die jungen Leuten das islamische Leben beibringen.« An der Universität herrsche Geschlechtertrennung: »Frauen gehen durch einen eigenen Eingang, sie dürfen kein Make-up oder Nagellack tragen.« Partys mit Männern und Frauen oder gar Händchenhalten seien verboten. Als Folge davon sei jedoch die Zahl der Studentinnen gestiegen, ergänzt Pistor-Hatam: »Auch konservative Eltern trauen sich jetzt, ihre Tochter an die Uni zu schicken.«

Die Generation der Studierenden ist es, die den Protest der Grünen Bewegung getragen hat. Daher hofft Pistor-Hatam, dass sie eines Tages ihr Land verändern wird: »Die Studierenden sind sehr unruhig – so viele junge Leute im Iran können eine Gefahr für das Regime sein.«

Eva-Maria Karpf
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