CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 66Seite 3
Nr. 66, 28.05.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Tunnel oder Fähre?

Gutachten zu Projekten wie der festen Fehmarnbeltquerung werden von Fachleuten verfasst, die zu Objektivität verpflichtet sind. Manche nutzen sie aber zur Argu­mentation für oder gegen das Projekt.


Eine Computersimulation des 17,6 Kilometer langen Tunnels, der Fehmarn auf deutscher und Lolland auf dänischer Seite verbinden soll. Foto: Femern

2008 haben Deutschland und Dänemark den Vertrag über eine feste Fehmarnbeltquerung unterzeichnet. Die Diskussion, ob Brücke oder Tunnel, ist jetzt weitgehend zugunsten eines Tunnels entschieden. Da die Verbindung die Strecke Hamburg-Kopenhagen verkürzen soll, müssen auch die bestehenden Zubringertrassen für Auto und Eisenbahn auf Fehmarn und dem Festland ausgebaut werden. Das Projekt greift damit in mehrere Öko- und Sozialsysteme ein. Viele Menschen in Schleswig-Holstein sehen es daher kritisch: Stehen die Kosten des Baus in angemessenem Verhältnis zu seinem späteren Nutzen?

Das Institut für Regionalforschung der Kieler Universität ist beteiligt an der Studie »Feste Querung über den Fehmarnbelt: Regionale Entwicklungsperspektiven«. Wie neutral kann eine Studie sein, die von der ausführenden Firma Femern A/S, Teil des dänischen Staatsunternehmens Sund & Bælt Holding A/S, in Auftrag gegeben wird? »Wir haben mitgemacht, weil dänische und schwedische Kollegen, die wir von früherer Zusammenarbeit kennen, an uns herangetreten sind und wir damit wussten, dass andere unabhängige Wissenschaftler mit im Boot sind«, sagt Institutschef Professor Johannes Bröcker. »Natürlich möchte der Auftraggeber, dass das Projekt in einem möglichst guten Licht erscheint.« Doch er hebt hervor, dass Femern A/S an keinem Punkt Einfluss auf die Studie genommen habe.

Hayo Herrmann und Artem Korzhenevych einen Teilaspekt des Themas bearbeitet, nämlich den grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt und die Mobilität zwischen den Nachbarländern. »Wir haben an einem Computermodell untersucht, wie viele Menschen jetzt pendeln und wie sich das durch eine feste Querung verändern wird«, erklärt Bröcker. Im Moment fahren rund 1.650 Deutsche über Fehmarn zur Arbeit in Dänemark, die Fähre in die umgekehrte Richtung nehmen 350 Dänen. »Das ist nur eine kleine Zahl, verglichen etwa mit den Pendlern, die im Norden Schleswig-Holsteins wohnen und in Dänemark arbeiten«, sagt Hayo Herrmann. Noch geringer erscheint die Zahl, wenn man weiß, dass täglich 150.000 Schleswig-Holsteiner nach Hamburg pendeln.

Lässt man das Computermodell allein die feste Querung einrechnen, ohne weitere Maßnahmen zur Arbeitsmarktintegration zu berücksichtigen, zeigt es nur leicht ansteigende Zahlen. »Das Pendeln über eine Grenze braucht starke Anreize, das ist überall in Europa so«, sagt Bröcker. »Da müssen noch andere Hemmnisse wegfallen, damit jemand das auf sich nimmt.« Der Arbeitsmarkt allein sei also kein Argument für eine feste Verbindung, doch insgesamt sehen Bröcker und seine Kollegen bei dem Großprojekt mehr Vor- als Nachteile.

Und wie sieht es unter Wasser aus? Fischereibiologe Dr. Jörn Schmidt hat am IFM-GEOMAR untersucht, wie der Klimawandel sich auf die Fischbestände auswirken könnte, um diesen Effekt von möglichen langfristigen Auswirkungen der festen Querung trennen zu können. »Heringe wandern teilweise durch den Belt zu ihrem Laichgebiet im Greifswalder Bodden«, erklärt Schmidt. »Brückenpfeiler können den Wasserdurchfluss verändern.« Das könnte die Wanderung der Fische stören. Beim Tunnel hingegen sei eher die jahrelange Bauzeit problematisch. »Es ist schwer einzuschätzen, ob die Fische dann einen anderen Weg nehmen würden«, sagt Schmidt. »Empfehlenswert ist auf jeden Fall, den Bau während der Laichzeiten ruhen zu lassen.«

Durch einen Berg von Gutachten gearbeitet hat sich Professor Florian Dünckmann vom Geographischen Institut, weil er eine Abschlussarbeit zum Thema vergeben wollte. Dabei sind Dünckmann als Erstes die Landkarten aufgefallen. »Es macht einen Riesenunterschied, welchen Ausschnitt man wählt«, sagt Dünckmann. Pro-Gutachten zeigten in der Regel die Städte Hamburg und Kopenhagen und den Weg dazwischen, wobei der Fehmarnbelt wie eine winzige Lücke wirkt. Contra-Gutachten fokussieren auf Fehmarn und Lolland, wo die Verbindung dann als tiefer Einschnitt erscheint. Ob ein Weg rot oder schwarz gezeichnet ist, das Meer weiß oder blau – alles dient dazu, dem Betrachter bestimmte Schlüsse nahezulegen.

Für Dünckmann ist wichtig festzuhalten, dass jede Entscheidung Gewinner und Verlierer hat. »Wer von einer Win-Win-Situation spricht, hat den Verlierer noch nicht wahrgenommen«, meint der Geograph. »Die Wissenschaft kann die Fakten darlegen – aber sie kann der Politik nicht die Entscheidung abnehmen.«

Eva Maria-Karpf
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de