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Nr. 66, 28.05.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Den Ernstfall proben

Hart, ehrlich, schonungslos: Jura-Prüfungscoaching ist kein Zuckerschlecken, aber ungeheuer wirkungsvoll.


Volle Konzentration beim Coaching. Wiebke Ahrends, Claudia Arndt, Anne Riemann, Max Wehmeier und Nicolai Wree (von links) schwitzen in der Probeprüfung. Foto: Martin Geist © Uni Kiel

Mit Reet bedeckt und unmittelbar am Meer gelegen, wirkt das Dr. Otto Bagge-Kolleg im Ostseeörtchen Sehlendorf wie das reinste Idyll. Die zwanzig jungen Frauen und Männer, die sich dort für drei Tage einquartiert haben, scheinen das aber zu ignorieren. Manche von ihnen haben sich hinter den typischen dicken Büchern mit den typischen roten Umschlägen eingegraben, andere tauschen flüsternd Argumente aus oder studieren einen Paragrafen.

In Sehlendorf herrscht Prüfungsstress. Am laufenden Band sitzen jeweils vier bis fünf Kandidatinnen und Kandidaten einer dreiköpfigen Kommission gegenüber, deren Mitglieder teils über jahrzehntelange wissenschaftliche und praktische Erfahrung verfügen. »Wir wollen hier Realität abbilden«, sagt Professor Gerhard Igl, der das Coaching vor mehr als zehn Jahren an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Kiel eingeführt hat. Zweimal pro Semester werden derartige »Stresstests« angeboten, die Nachfrage ist stets größer als die Zahl der Plätze.

Aus gutem Grund, denn berufliches Wohl und Wehe hängt für die junge Juristenschaft in hohem Maße von den Noten ab. Die größte Rolle spielt die schriftliche Prüfung, zu immerhin knapp 40 Prozent ist aber auch das Mündliche beteiligt. Genau hier setzt Professor Igl an, der bei seinen Coachings von mehr als zehn allesamt ehrenamtlich arbeitenden Kollegen unterstützt wird. Schließlich können erfahrungsgemäß längst nicht alle, die ihr Wissen fehlerlos zu Papier bringen, die entsprechenden Kenntnisse im Mündlichen ähnlich souverän präsentieren.

»Im Studium hat man wenig Gelegenheit zum Reden«, bestätigt Dörte Herrmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Gerhard Igl. Auch die 27-jährige Jung-Juristin nahm an einem solchen Coaching teil und kann sich noch gut daran erinnern, wie das war. Obwohl es sich nur um simulierte Prüfungen handelte, war das Gefühl nach ihren Worten »sehr echt«.

Dörte Herrmann lernte in den drei Tagen, besser mit dem Druck umzugehen, stieß auf noch vorhandene Bildungslücken und zog daraus offensichtlich die richtigen Lehren. Ihre Erste Staatsprüfung schloss sie mit 13 Punkten ab und war damit besser als das im Bereich von zehn bis zwölf Punkten angesiedelte »voll befriedigend«, das als Eintrittskarte in die meisten Kanzleien und anderen juristischen Berufe unerlässlich ist.

Die Kriterien in der Rechtswissenschaft sind hart. Sieben bis neun Punkte schaffen die Prüflinge im Durchschnitt, die Quote der Einser-Absolventen beträgt weniger als ein Prozent. »Für Juristen ist die Prüfung lebensentscheidend«, meint Igl. Ein Punkt mehr oder weniger könne entscheiden, ob es für eine gesicherte Existenz mit hohem Ansehen und gutem Einkommen reicht oder nur zu einem mehr oder weniger prekären beruflichen Dasein.

In dieser Coaching-Runde wird Igl unterstützt von Christian Grube, ehemals Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Hamburg, und Professor Wolfgang Noftz, dem langjährigen Vorsitzenden des schleswig-holsteinischen Landessozialgerichts. Bürgerliches Recht, Strafrecht, öffentliches Recht – alles steht während des Coachings an. Noftz führt den Vorsitz im öffentlichen Recht und konfrontiert seine Übungsprüflinge mit einem erfundenen Fall über die Zulässigkeit der Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln. Ist eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht überhaupt zulässig? Und warum beziehungsweise warum möglicherweise nicht? Welche Rechtswege bestünden alternativ?

Der konkrete Fall, man ahnt es, ist immer nur das Vehikel, um die Kenntnisse und erst recht die juristische Denkfähigkeit der Studierenden zu testen. Das kann mit ganz simpel klingenden Zwischenfragen geschehen. »Was ist ein Gesetz?«, will Professor Noftz wissen und bringt damit eine Kandidatin erkennbar in Bedrängnis: »Äh, äh, äh ...«

Natürlich weiß die Studentin, was ein Gesetz ist. Aber sie war nicht darauf gefasst, solche Allerweltsfragen einfach mal nebenbei beantworten zu müssen.

prozedur beendet ist. Anschließend würden im echten akademischen Leben die Prüfenden unter sich über die Benotung beraten. Doch weil die Studierenden erkennen sollen, wie die andere Seite tickt, dürfen sie zuhören. Wobei trotzdem an Deutlichkeit nicht gespart wird. Kandidat A sei schon beim »verwaltungsrechtlichen Bodenturnen« gescheitert, ist da zu hören. Und bei Kandidatin B wurde nach einer bestimmten Frage »die Nacht noch dunkler, als sie schon war«.

Das Coaching soll eben, wie von Professor Igl gesagt, Realität abbilden. Was letztlich auch in der Benotung geschieht. Ungewöhnlich groß sind in dieser Runde laut Professor Igl die Leistungsunterschiede der Prüflinge, die zwischen vier und zehn Punkte erhalten haben. Nicht ungewöhnlich ist dagegen, dass sie sich gegenseitig – ohne Kenntnis des Ergebnisses – deutlich besser benoteten.

Martin Geist
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