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Nr. 66, 28.05.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Krieg und Trost

Unter Gewalt und Kriegen litten die Menschen schon immer. Biblische Texte nehmen sich dieses Themas auf vielfältige Weise an.


Nesina Grütter promoviert über ein kriegerisches Stück Bibel. Foto: Martin Geist

Das Buch Nahum gehört nicht gerade zu den Teilen der Bibel, die besonders oft auf den Kanzeln zitiert werden. »Das ist kein Wunder, denn es enthält sehr gewalttätige, kriegerische Texte«, meint Nesina Grütter. Genau aus diesem Grund beschäftigt sich die aus der Schweiz stammende Theologin mit Nahum. Krieg und Gewalt sind und waren aus ihrer Sicht schon immer eine existenzielle Erfahrung der Menschheit, also scheint es ihr allemal angeraten, die Strategien zu untersuchen, mit denen dieses Thema verarbeitet wurde.

»Ich hebe dir das Kleid hoch bis übers Gesicht, ich zeige den Völkern deine Blöße, den Königreichen deine Scham.« Um solche Passagen als Schilderungen sexuellen Missbrauchs an Frauen zu interpretieren, bedarf es keiner besonderen Phantasie. Etwa im siebten Jahrhundert vor Christus liegen die Anfänge des Nahumbuches, das etliche weitere Stellen mit drastischen Gewalt- und Racheschilderungen enthält.

Weil die Ursprünge dieser alttestamentarischen Schrift damit in einer Zeit liegen, als es an vielen Ecken des Neuassyrischen Reiches krachte, ist das objektiv gesehen nicht besonders verwunderlich. Wirklich interessant wird es für Nesina Grütter aber erst, wenn der ursprüngliche hebräische Text mit der etwa 500 Jahre später entstandenen griechischen Übersetzung verglichen wird. Weit gefehlt wäre es nach Überzeugung der Nachwuchswissenschaftlerin zwar zu behaupten, dass die Übersetzer dem Propheten Nahum plötzlich ganz andere Erzählungen in den Mund gelegt hätten. Wohl aber hat Nesina Grütter, die seit Anfang 2010 am Lehrstuhl von Professor Markus Saur am Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie mit ihrer Doktorarbeit beschäftigt ist, interessante Akzentverschiebungen festgestellt. So ist im Griechischen von Vergewaltigungen keine Rede mehr. Und die im Original so hasserfüllten Tiraden gegen fremde Eroberer, denen bitterer Tod und schmählicher Untergang vorhergesagt wurde (»Auch wenn sie unversehrt und zahlreich sind, werden sie doch abgemäht, es ist mit ihnen vorbei.«) kommen in der Übersetzung deutlich zahmer daher.

Haben mithin also schon unsere Altvorderen gnadenlos manipuliert, um nicht opportune Wahrheiten zu unterdrücken? Nesina Grütter mag so pauschal nicht urteilen. Vielmehr ist es tatsächlich so, dass etwa das hebräische Wort für Vergewaltigung mit unterschiedlichen Bedeutungen belegt ist. Berücksichtigt man außerdem, dass die Frau in der griechischen Tragödie tendenziell eher als sympathische Hauptfigur galt, so erklärt sich die Umdeutung nach Einschätzung der 27-jährigen Nachwuchs­wissenschaftlerin mit einiger Wahrscheinlichkeit aus veränderten kulturellen Bedingungen heraus.

Auch wenn im Original den Feinden böse Zauberkräfte angedichtet werden und das im Griechischen erkennbar freundlicher klingt, hat das wohl nichts mit bewusster Verfälschung zu tun. »Zauberei kann im Griechischen wirklich eine positivere Bedeutung haben als im Hebräischen«, weiß Nesina Grütter.

die ihr Theologie-Examen vergangenes Jahr in Basel ablegte, zudem aus den wohl andersartigen Lebensumständen der Übersetzer zu erklären. Im Gegensatz zu den Urhebern steckten sie offenbar nicht persönlich mittendrin in Kriegen und konnten insofern leichter eine gewisse poetische Milde walten lassen.Bemerkenswert sind davon abgesehen die Strategien, mit denen Unterlegene ihre Rolle erträglicher gestalten. »Der Feind wird dämonisiert, feminisiert und verspottet«, sagt Nesina Grütter. »Das sind ganz klassische Muster, die es zum Teil bis heute gibt.«

Was es wohl ebenfalls immer geben wird, ist die tröstende Kraft der Religion mit einem Gott, der auf der Seite der Unterdrückten steht.

Martin Geist
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