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Nr. 66, 28.05.2011  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Boom mit Billigprodukten

Lebensmitteldiscounter sind ein wissenschaftlich kaum bearbeitetes Feld. Dabei haben Aldi, Lidl und Co. den deutschen Lebensmittelhandel erheblich verändert.


Ein Discounter kommt selten allein. Filialen von Aldi oder Lidl befinden sich häufig in Nachbarschaft zu Edeka oder anderen so genannten Vollsortimentern. Foto: Uni Kiel

Den günstigen Lebensmittelpreisen und saisonalen Aktionsartikeln kann hierzulande kaum jemand widerstehen: 98 Prozent aller Deutschen kaufen regelmäßig oder gelegentlich in den bundesweit rund 15.000 deutschen Filialen von Aldi, Lidl, Netto, Penny oder Norma ein. Das hat eine Studie von Accenture und der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2008 ergeben. Fast jeder zweite Euro (44 Prozent), der im deutschen Lebensmittelhandel umgesetzt wird, landet in den Kassen der fünf Discounter, wie die GfK berechnet hat. Und die Expansion schreitet weiter voran. Im Wochenrhythmus künden großformatige Zeitungsanzeigen von Neueröffnungen. Das Netz der Verkaufsstellen wird immer dichter und bedroht unweigerlich die Konkurrenz.

Was diese Marktmacht für den übrigen Einzelhandel bedeutet und wie sich die Discounter immer wieder neu erfinden, um auf der Erfolgsspur zu bleiben, untersucht Professor Ulrich Jürgens vom Geographischen Institut in dem Forschungsprojekt »Deutsche Lebensmitteldiscounter zwischen lokaler Ansiedlungspolitik und globaler Expansion«. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert das Vorhaben.

»Ich möchte wissen, welche Erfahrungen die einzelnen Gemeinden mit entsprechenden Ansiedlungen in der Vergangenheit hatten und wie derzeitige Ansiedlungsbegehren diskutiert werden.« Dass Discounter kleinere Läden verdrängen, ist dabei nur ein Aspekt. »Zuweilen sieht man den Lebensmitteldiscounter auch als letzten Notnagel einer Vollversorgung in ländlichen Regionen, wenn andere Läden aufgegeben haben, oder auch als Magnet, der andere Einzelhändler anziehen und damit die Innenstadt einer Gemeinde wieder beleben kann«, erklärt Jürgens. Mittels Kundenbefragungen und Expertengesprächen mit Bürgermeistern und Einzelhändlern will der Geograph die Bedeutung und die Auswirkungen der Ansiedlung von Lebensmitteldiscountern am Beispiel von Schleswig-Holstein ergründen. Dabei interessiert er sich auch für Bürgerproteste und wie diese Einfluss auf die Planung nehmen, wie sie Ansiedlungen verhindern oder beeinflussen können.

Dass Discounter so erfolgreich expandieren konnten, liegt natürlich auch an der breiten Akzeptanz in der Bevölkerung. Peinlich ist der Einkauf dort schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Aldi – die »Mutter« aller Discounter – ist hoch angesehen. So hat eine Umfrage des Instituts für Handelsforschung (IfH) in Köln ergeben, dass fast drei Viertel der 470 Befragten der Marke Aldi ein hohes oder sehr hohes Vertrauen entgegenbrachten. Damit hatte der Discounter den besten Ruf noch vor Edeka und Rewe. Und das liegt nicht nur an den günstigen Preisen. Auch die Qualität der Discounterprodukte überzeugt Kundschaft wie Warentester. Von der Stiftung Warentest gibt es regelmäßig gute Noten für die hauseigenen Marken.

Wer wie oft bei Aldi, Lidl und Co. einkaufen geht, was im Einkaufswagen landet und wie die Qualität der Produkte eingeschätzt wird, dies und mehr haben Studierende des Geographischen Instituts im vergangenen Wintersemester mit standardisierten Befragungen vor Discountern und Supermärkten erkundet. Insgesamt 1350 Personen haben sie im Rahmen des Studienprojekts ausführlich befragt. Die Ergebnisse sollen Auskunft über das Einkaufsverhalten und die Akzeptanz der Discounter bei der Kundschaft geben.

Mittlerweile sind Discounter quasi überall und damit gut erreichbar – als kleiner Laden in der unmittelbaren Nachbarschaft und als großer Markt in den Randbezirken von Gemeinden. Selbst in noblen Einkaufszentren können Discounter Kasse machen, da ein neuer Kundentypus entstanden ist: der »Hybridkunde«. »Das sind Menschen, die im Edel-Imbiss Austern schlürfen und bei Aldi Butter einkaufen«, erklärt Jürgens. »Die Discounter haben es immer wieder geschafft, sich mit Mini-Innovationen den veränderten Geschmäckern und dem Zeitgeist ihrer Kunden gut anzupassen. Diese Flexibilität macht sie so erfolgreich.«

Kerstin Nees

Ulrich Jürgens: Aldi, Lidl und Co. Strategien, räumliche Auswirkungen und Perspektiven deutscher Lebensmitteldiscounter. 30. Mai, 19 Uhr, Bürgerhaus Bad Oldesloe
Dynamik der Billigmärkte
Unter der Herausgabe von Professor Jürgens ist gerade das Buch »Discounterwelten« erschienen. Die Autorinnen und Autoren diskutieren in acht Aufsätzen das Phänomen der Lebensmitteldiscounter aus der Perspektive des Städtebaus, der Arbeitsorganisation, der Soziologie, des Marketings und der Standortplanung. Sie dokumentieren damit die Dynamik dieser Betriebsform und die Konsequenzen ihrer Expansion an Fallbeispielen und erarbeiten angewandte Lösungsvorschläge. (ne)
Geballte Marktmacht
Aldi ist die unangefochtene Nummer eins der Lebensmittel-Discounter in Deutschland. Der Umsatz der 4300 Filialen hierzulande betrug im vergangenen Jahr 24,5 Milliarden Euro. Hierauf folgt Lidl mit 3200 deutschen Filialen und 15,5 Milliarden Euro Umsatz. Nach dem Zusammenschluss mit Plus ist Netto der drittgrößte Discounter Deutschlands. Die Edeka-Tochter hat 3900 Filialen und verbuchte einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro. Penny erwirtschaftete 7,5 Milliarden Euro Umsatz in 2400 deutschen Filialen. Norma betreibt in Deutschland, vor allem in den südlichen Bundesländern, 1250 Filialen. Der Umsatz lag bei 2,6 Milliarden Euro. Die Daten stammen von Trade Dimensions, März 2011, und sind der Lebensmittelzeitung entnommen.

Aldi und Lidl zählen zu den so genannten Hard-Discountern. Sie haben eine sehr einfache Ladenausstattung, dauerhafte Tiefstpreise, geringe Sortimentsbreite und wenig Markenartikel. Dabei werden fast ausschließlich Handelsmarken und nur wenige Herstellermarken geführt.

Soft-Discounter wie Netto, Penny und Norma haben zwar auch eine einfache Ladenausstattung, bieten aber ein breiteres Sortiment an und führen mehr Marken als Hard-Discounter. (ne)
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