Piraten auf der Ostsee
Zu Forschungszwecken werden in der Ostsee Angriffe von Seeräubern und Terroristen nachgestellt. Sie liefern Daten für ein neues Piraten-Abwehr-System »Made in Schleswig-Holstein«.

Ein Schlauchboot samt Boje, aufgenommen von einer Infrarotkamera. Sie ist Teil eines Abwehrsystems gegen Übergriffe auf Schiffe. Foto: Boris Culik
Taucher und schnelle Boote werden zurzeit auch in der Eckernförder Bucht und der Kieler Förde zu Wasser gelassen. Terroristische Angriffe auf der Ostsee? Das schon, aber völlig ungefährlich: Vier Arbeitsgruppen der Uni Kiel und das »Maritime Cluster Norddeutschland« stellen hier typische Überfallszenarien nach, um unter anderem Radar und Sonarmessungen (Unterwasserschall) vorzunehmen. Die Daten brauchen sie für das Verbundprojekt »Piraterie und Terrorabwehr auf Seeschiffen« (PITAS). Mit rund drei Millionen Euro fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie die auf drei Jahre angelegte Kooperation schleswig-holsteinischer Unternehmen und der Technischen Fakultät der Universität Kiel unter Leitung der Raytheon-Anschütz GmbH. Entwickelt werden soll ein System, um Piraten und Terroristen auf See frühzeitig zu erkennen und abzuwehren.
»Die derzeit für die zivile Nutzung verfügbaren Navigationsradare, Sonare oder Kamerasysteme sind nicht für die Verfolgung kleiner, sich schnell bewegender Boote auf größere Distanzen ausgelegt«, sagt der Informatikprofessor Hans-Joachim Klein. Signale von Tauchern und Schlauchbooten würden nur schwach und oft zu spät für Abwehrmaßnahmen aufgefangen. PITAS soll durch verbesserte Funk und Schallortung Abhilfe schaffen. Außerdem sollen Bewegungsmelder, neuartige Video und Infrarotkameras, Sprengstoffsensoren und Röntgenscanner in das System integriert werden.
Viele Komponenten stellen viele Informationen zur Verfügung: »Wir haben riesige Mengen an sehr heterogenen Daten gesammelt, die wir nun zusammenbringen müssen«, berichtet Professor Ulrich Heute aus der Arbeitsgruppe »Digitale Signalverarbeitung«. Genau das soll die neue Technik auszeichnen: Alle Daten werden sortiert, zusammengeführt und auf einem Bildschirm dargestellt. Herkömmliche Einzelkomponenten, die ausschließlich separate, meist visuell dargestellte Daten liefern, sollen nach PITAS der Vergangenheit angehören.
»Bedrohungsszenarien sollen nicht nur sofort erkannt, sondern auch bewertet werden und Reaktionsvorschläge für die Besatzung eines Schiffes bieten«, so Informationstheoretiker Professor Peter Adam Höher. Teilweise sind auch automatische Reaktionen wie das Auslösen von Alarm oder das Ausrichten von Blendscheinwerfern geplant.
Zu Projektbeginn vor einem Jahr haben die Arbeitsgruppen Informationen der Internationalen Handelskammer und von Versicherungen zu Überfällen analysiert und daraus typische Angriffsszenarien abgeleitet. Diese werden in die PITAS-Datenbank eingespeist, die im Einsatz selbstständig dazulernen soll. Klein: »Piraten verstecken ihre schnellen Motorboote oft hinter ihren Mutterschiffen – das sind Fischkutter oder gekaperte Frachter – und greifen dann an. Mithilfe der neu entwickelten Datenbank werden diese schneller identifiziert und Bewegungsmuster verglichen.«
Eine mögliche Bedrohung könne so frühzeitig erkannt werden. Das bringt vor allem eines: Zeit zum Reagieren. Momentan hat die Crew nur fünf bis fünfzehn Minuten Zeit, bis ein erspähtes Skiff an die Längsseite herankommt, wo Piraten bevorzugt entern. PITAS kann diesen Zeitraum um ein Vielfaches vergrößern. Das reicht, um Abwehrmaßnahmen einzuleiten, etwa Stacheldraht auszurollen, Schmierseife zu versprühen und die Marine zu verständigen.
Denis Schimmelpfennig
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