»Frauen sind oft zu wenig von sich überzeugt«
Professorin Birgit Friedl ist seit wenigen Wochen Vizepräsidentin der Uni Kiel. Ihre Ziele erläutert sie im unizeit-Interview.

Birgit Friedl
Foto: Axel Schön
Birgit Friedl: Nein, überhaupt nicht. Als ich zum ersten Mal auf eine Kandidatur angesprochen wurde, habe ich gesagt, das steht jetzt überhaupt nicht in meinem Lebensplan.
Warum haben Sie es sich anders überlegt?.
Man kann sagen, aus Einsicht in die Notwendigkeit. Das Ziel, eine Frau an der Spitze der Uni zu etablieren, hielt ich für richtig und wichtig. Und dann sollte es natürlich keine Alibifrau sein, sondern eine, die schon Erfahrung etwa als Dekanin hatte. Ich übte dieses Amt bis zum 30. Juni an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät aus und fiel damit als eine der ganz wenigen Frauen ins Raster. Deshalb habe ich mich auch verpflichtet gefühlt. Man kann nicht mehr Frauen in Führungspositionen fordern und dann ablehnen, wenn man eine solche Position angeboten bekommt. Ein weiterer Grund waren die Gestaltungsmöglichkeiten, die sich einem durch dieses Amt eröffnen.
Sie sind als Vizepräsidentin für Wissens- und Technologietransfer und außerdem für Diversity Management zuständig. Was darf man sich unter Diversity Management genau vorstellen?
Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, das ist die zielorientierte Förderung von Chancengleichheit und Vielfalt an der Universität, verbunden mit der Vorbereitung der Studierenden auf ein Berufsleben in einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft. Wir müssen die Probleme, die mit solcher Unterschiedlichkeit entstehen, abbauen und ihre Potenziale nutzen. Wo unterschiedliche Menschen zusammen sind, wachsen zum Beispiel die Kreativität und die Fähigkeit zur Problemlösung.
Und wo liegen die Probleme der Vielfalt?
Es sind die Benachteiligungen zum Beispiel aus Gründen der Herkunft, des Geschlechts oder einer Behinderung. Immer wichtiger werden schon aus demografischen Gründen Studierende aus dem Ausland. Wenn wir ihnen nicht das Gefühl geben, vorbehaltlos willkommen zu sein, haben wir im Rennen um die besten Köpfe schon verloren. Zu nennen sind auch die jungen Frauen, die genauso zahlreich an der Uni vertreten sind wie ihre männlichen Kommilitonen. Ihre Abschlüsse sind gewöhnlich besser, trotzdem promovieren sie seltener. Schauen wir uns schließlich die Lehrstühle an, dann beträgt der Anteil der Professorinnen gerade einmal elf bis zwölf Prozent. Damit liegen wir deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.
Warum ist der Professorenstand immer noch weitgehend in Männerhand?
Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Frauen sind nach meiner Erfahrung oft etwas weniger von sich überzeugt und auch weniger risikobereit. Sie denken teilweise gar nicht daran, dass sie das Zeug zu einer guten Promotion hätten. Meine Professorenkollegin Gudrun Kiesmüller und ich sprechen in der Betriebswirtschaftslehre talentierte Absolventinnen schon länger aktiv auf eine Promotion an, aber bisher gab es nur einen Erfolg. Gudrun Kiesmüller schaffte es tatsächlich, eine junge Frau zu überzeugen. Oft läuft es aber anders, vielleicht auch deshalb, weil im Fach BWL viele Studierende bereits eine kaufmännische Ausbildung absolviert haben. Das Lebensalter ist dann entsprechend fortgerückt, und die Frauen streben nach dem Abschluss gleich in den Beruf, weil sie sich noch die Möglichkeit bewahren wollen, eine Familie zu gründen.
Wichtig ist aber auch, Berufungsverfahren für Lehrstühle transparenter zu gestalten. Die Uni Kiel hat sich hierfür Richtlinien gegeben, die zum Beispiel besagen, dass die Anforderungskriterien gleich zu Beginn des Verfahrens eindeutig formuliert werden müssen. Damit soll erreicht werden, dass die Entscheidung für einen Bewerber oder eine Bewerberin am Ende eindeutig nachzuvollziehen ist.
Was glauben Sie, wann werden wir uns über solche Probleme nicht mehr unterhalten müssen?
Das lässt sich ganz schwer sagen. Mein Ziel ist es jedenfalls, dass am Ende meiner dreijährigen Amtszeit ein Masterplan auf dem Tisch liegt, mit dem sich das Thema Vielfalt in allen Facetten operativ umsetzen lässt.
Und Sie persönlich, sind Sie nach diesen drei Jahren reif für das Amt der Präsidentin?
(Lacht) Nein, nein, nein. Dazu hängt mein Herz viel zu sehr an der Forschung und vor allem an der Lehre.
Das Interview führte Martin Geist
Vom Süden in den Norden
Professorin Birgit Friedl (52) hat seit 1996 den Lehrstuhl für Controlling am Institut für Betriebswirtschaftslehre inne. Sie war eine der ersten C4-Professorinnen in Betriebswirtschaftslehre überhaupt. Dabei hatte sie ursprünglich ganz andere Karrierepläne: Ihr Berufsziel lautete Lehrerin. Die aus Baden-Württemberg stammende Wissenschaftlerin studierte an der Universität Tübingen Betriebswirtschaftslehre, schloss mit dem Staatsexamen für das höhere Lehramt an kaufmännischen Schulen ab und promovierte im Jahr 1989. 1995 schloss sie ihre Habilitation ab. Über Lehrstuhlvertretungen an der Universität Kaiserslautern und der Katholischen Universität Eichstätt führte ihr Weg zur Uni Kiel. Die Forschungsschwerpunkte von Birgit Friedl sind Controlling, Kostenmanagement und Kostenrechnung. Mehrere Rufe an andere Hochschulen hat Birgit Friedl in der Vergangenheit abgelehnt. »Ich fühle mich wohl in Kiel«, sagt sie und meint das wissenschaftlich ebenso wie ganz persönlich.
Einführung zur Reihe
Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einer neuen unizeit- Reihe, die in loser Folge bemerkenswerte Frauen an der Christian-Albrechts-Universität vorstellt. Es gibt und gab mehr von ihnen, als gemeinhin bekannt ist. Ihre Lebensläufe, ihr Wirken, ihre Ziele können anderen Vorbild und Ermutigung sein.
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