Sozial einkaufen
Gutes Gewissen durch fairen Handel? Volkswirtin Linda Kleemann gibt teils überraschende Antworten.

Süß und fair: Auf den Philippinen wird Zucker für die Vertriebsgesellschaft GEPA abgepackt.
Foto: GEPA - The fair trade company / A. Welsing
So lautet zumindest die Theorie, der Linda Kleemann vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) wissenschaftlich auf den Grund geht. Die 28-Jährige ist Mitarbeiterin der Fachgruppe »Armutsminderung und Entwicklung« und verfasst derzeit am Beispiel von Bio-Ananas aus Ghana auch ihre Doktorarbeit zu einem Thema über den Markt des guten Gewissens.
Festzuhalten ist dabei nach Einschätzung der Forscherin, dass zumindest teilweise tatsächlich ein bemerkenswert starker alternativer Markt gewachsen ist. In lateinamerikanischen Ländern wie Nicaragua, wo die Idee des fairen Handels vor mehr als 30 Jahren Konturen annahm, hat sich in ganzen Landstrichen die überwiegende Zahl der Kaffeebauern zu FairtradeKooperativen zusammengeschlossen. In Afrika dagegen verfügt dieses Modell über weniger Tradition und ist noch lange nicht so stark verbreitet.
Stark verbreitet ist indes grundsätzlich das Miteinander von Bio und Fairtrade. Etwa zwei Drittel der ökologisch korrekten Produkte bieten laut Kleemann zugleich ein faires Handelsemblem.
Genauer angesehen hat sich die Volkswirtin am Beispiel eines Kaffeebauern in Kamerun, wie sich fairer Handel für die Erzeuger bezahlt macht. Einnahmen von 150 Euro im Monat sind demnach durchaus drin. Konventionell wirtschaftende Kollegen bringen es dagegen nur auf etwa 100 Euro. Der große Unterschied sollte jedoch nicht überbewertet werden, betont die Kieler Ökonomin, denn das höhere FairtradeEinkommen bedeutet immer noch sehr bescheidene Lebensverhältnisse.
Mindestens genauso interessant sind für Linda Kleemann deshalb die sozialen Aspekte dieses Handelssystems. Die deutschen Importeure bezahlen schließlich nur einen Teil des Kaufpreises direkt an die Bauern, der andere Teil geht aufs Konto ihrer Kooperativen, die verpflichtet sind, damit gemeinnützige Investitionen zu fördern. Das kann der Bau eines Lagerhauses oder die Anschaffung eines Traktors sein, aber auch die Unterstützung einer Schule oder einer Krankenstation.
Solche Effekte werden wiederum nicht selten verstärkt, indem sich die europäischen Partner weit über das geforderte Maß hinaus engagieren. So schickt sich das 1977 gegründete Fairtrade-Unternehmen Sekem derzeit sogar an, in Ägypten eine Universität aufzubauen. Und in Simbabwe, wo Linda Kleemann zeitweilig selbst an dem Projekt KAITE mitarbeitete, hat sich aus 20 Gründungsbetrieben eine Initiative von mehr als Tausend Bauern entwickelt, die fachliche Fortbildung ebenso wie die Betreuung von Aidswaisen organisieren.
Gleichwohl ist die faire Welt nicht rosarot, stellt Linda Kleemann klar. Derart unternehmerische Ansätze könnten »mit Sicherheit dazu beitragen, Armutsprobleme zu lösen«, seien aber »kein Allheilmittel«. Ein Problem sieht die Wissenschaftlerin zum Beispiel darin, dass sehr arme Landwirte erst gar nicht an Fairtrade herankommen, weil ihre Höfe zu abgelegen sind oder es schlicht an der Information dazu fehlt. Auch stoßen selbst die stärksten Kooperativen an ihre Grenzen, wenn es etwa darum geht, Produkte frisch nach Übersee zu bringen. Fehlt es dazu an einem Kühlhaus im Hafen, sind investive Dimensionen erreicht, bei denen trotz allem der Staat oder die internationale Entwicklungshilfe gefordert sind, erläutert Linda Kleemann.
Martin Geist
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